Der Oberste Sowjet hat die Richtlinien gebilligt, die für den neuen Fünfjahresplan ausgegeben worden sind. Auf den ersten Blick mögen die Zahlen, die wir aus Moskau hören, phantastisch erscheinen: 3000 neue industrielle Werke sollen errichtet, weitere 3000 instandgesetzt und erweitert werden; am Ende des Fünfjahresplanes wird es in der Sowjetunion doppelt soviel Autos geben, als vor dem Krieg, der Schiffsraum wird um 3,6 Mill. t vergrößert und die Kohlenerzeugung um 260 v. H. erhöht worden sein. 720 000 Traktoren sollen in den kommenden fünf Jahren in die Erzeugung eingegliedert werden, ein großzügiges Programm sieht ferner die verstärkte Elektrifizierung innerhalb der Landwirtschaft vor, und im Rahmen der forstlichen Planung die Erschließung gewaltiger, bisher unzugänglicher Waldgebiete im Osten.

Der erste Fünfjahresplan ist 1928 aufgestellt worden – fast zwei Jahrzehnte hat es gebraucht, ja im Grunde war eigentlich ein langjähriger Krieg notwendig, um dem Westen zu beweisen, daß die Zahlen der russischen Planung keine Utopien und "Potemkinschen Dörfer" sind, sondern unzweifelbar Realität. Viele haben in oberflächlicher Nichtachtung und Verkennung der russischen Leistungsfähigkeit und des russischen Leistungswillens bis zum Schluß nicht glauben wollen, daß die Produktion an Kriegsmaterial in der Sowjetunion während der letzten Jahre jährlich 30 000 Panzer, 40 000 Flugzeuge, 450 000 MGs und 5 Mill. Gewehre und Maschinenpistolen betrug, um nur einiges herauszugreifen.

Was für ein Kraftbewußtsein hinter den Zahlen des neuen Fünfjahresplans steht, wird uns erst vollends klar, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß in Rußland weite landwirtschaftliche Gebiete und riesige industrielle Produktionsanlagen durch den Krieg restlos zerstört worden sind. Der Wiederaufbau der Industrie, die Wiederherstellung der ungezählten verwüsteten Bauernhöfe und landwirtschaftlichen Betriebe, die Instandsetzung des Transportsystems – alles Probleme, die den westeuropäischen Ländern auf Jahre hinaus zu denken geben – werden in Rußland in großen Zügen bereits in fünf Jahren bewältigt sein. Die Wiederherstellung des Vorkriegsniveaus ist eine selbstverständliche Forderung des neuen Fünfjahresplans, das weit darüber hinausgehende Ziel ist, die Industrieproduktion auf das 1 1/2fache des Vorkriegsstandards zu bringen, unter besonderer Betonung der Schwerindustrie und des Eisenbahnwesens.

Wie tiefgreifend die Folgen dieses Krieges für Rußland allein auf landwirtschaftlichem Gebiet gewesen sind, geht jetzt aus den offiziellen russischen Statistiken hervor: 49 000 Mähdrescher und 137 000 Traktoren sind zerstört worden, eine Tatsache, die wegen der hohen Verluste beim lebenden Inventar, das Problem der Zugkraft, als besonders schwerwiegend in den Vordergrund rückt. Nur die während des Krieges mit äußerster Energie vorwärts getriebene Entwicklung der Landwirtschaft in den fernöstlichen Gebieten hat es Rußland ermöglicht, den Produktionsausfall seiner europäischen Landwirtschaft zu überstehen. Legt man die Vorkriegsverhältnisse zugrunde, so gehörten 40 v. H. der gesamten Ackerfläche aller Kolchosen zum besetzten und vom Krieg verwüsteten Gebiet, 40 v. H. des Viehbestandes, 45 v. H. aller Pferde; und 60 v. H. aller Schweine. Natürlich wird es nicht möglich sein, den Bestand an lebendem Inventar in wenigen Jahren wieder aufzubauen, weil hier die Natur das Tempo vorschreibt, aber überall dort, wo menschlicher Wille und Energie, zielbewußte Organisation und großzügige Planung, von wissenschaftlicher Forschung unterstützt, den Ausschlag geben, da erscheint die Erfüllung dieser weitgesteckten Ziele gegeben. Rußland ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten in noch ganz anderem Maße, als es das demokratische Amerika für die Generation unserer Väter war.

Ein Fünfjahresplan in Rußland ist nicht mit einem kapitalistischen Voranschlag zu vergleichen, sondern enthält Fernziele, also Richtsätze, die auf längere Sicht ausgegeben werden, und zugleich konkrete Aufgaben, die als Sofortziele anzupacken sind. Anders kann es auch nicht sein, wenn wir den Umfang des vom Plan umfaßten Aufgabengebietes betrachten. Da sollen ganz neue Erdölgebiete erschlossen und Städte mit Riesenwerken aus einem Boden gestampft werden, der bis dahin nur leere, von Winden gepeitschte Steppe war. Riesenstädte werden auf dem Reißbrett geplant, die erst von Menschen gebaut, besiedelt und zur Wohnstätte für schaffende Arbeiter gestaltet werden sollen.

Festgelegt wird zunächst das Grundsätzliche, das heißt die Frage, welcher Teil der Volkswirtschaft vordringlich ist. Im ersten Fünfjahresplan, der 1928 begann, war es die bis dahin kaum entwickelte Schwerindustrie. Bezahlt werden sollte siedurch große landwirtschaftliche Überschüsse, aufgebaut unter Heranziehung ausländischer Firmen und Ingenieure. Es ergaben sich damals große Schwierigkeiten, einmal, weil die im folgenden Jahre einsetzende Weltwirtschaftskrise die landwirtschaftlichen Preise viel schneller sinken ließ als die der industriellen Fertigwaren und die sich daraus entwickelnde "Preisschere" zu großen Sonderbelastungen des inneren Verbrauchs führte.

Die Hoffnung war groß, daß nach dem ersten Fünfjahresplan das Schwergewicht von der Urerzeugung, also von Kohle und Stahl, zu den Fertigwaren des täglichen Verbrauchs verlagert werden könnte. Die dauernde Kriegsgefahr ließ es nicht dazu kommen. Der zweite Fünf jahresplan brachte eine verstärkte Betonung der Schwerindustrie, der dritte als neues Kennzeichen den Ausbau der Rüstungsindustrie. Daß sie Rußland im zweiten Weltkrieg vor dem Zusammenbrechen bewahrt hat, steht heute außer Zweifel, selbst wenn die amerikanische und englische Waffenlieferung berücksichtigt wird. Obwohl der deutsche Vormarsch den größten Teil der früheren Industriegebiete lahmlegte und die Stahlerzeugung, wie nachträglich bekannt wurde, 1943 auf 10 Millionen Tonnen zurückging, stieg die Erzeugung von Kriegsgerät ununterbrochen.