Von Friedrich Rasche

Es ist oft beklagt worden, daß während der letzten zwölf Jahre die guten Deutschen unter den Schriftstellern schweigen mußten, und wir so keine dichterischen Aussagen aus jener Zeit haben. Doch ist damals manches geschrieben worden, was zur Veröffentlichung bestimmt war, aber aus vielerlei Gründen nicht erscheinen konnte. Wir werden hin und wieder solche Arbeiten bringen, soweit sie wirklich etwas aussagen über die geistige und seelische Lage jener "entwurzelten" Deutschen, die mit Schauder und ohnmächtigem Entsetzen der Erniedrigung ihres Vaterlandes zusehen mußten.

"Ein in der Luft hängendes, mit Seilen an einem Stern befestigtes Haus."

(Giacomo Leopardi,

Tagebuch 1. Oktober 1820)

I.

Wo denn, ihr Freunde, wohnen wir? Ihr weist mir eure vier Wände oder gar ein ganzes Haus, nennt eine Straße und den Namen einer Stadt. Ach, das alles ist Zufälliges, Vorläufiges, Zeitweiliges. So könnte auch ein Käfer auf sein Schlupfloch in der Borke eines Baumes hinweisen, und er weiß nicht, daß die Axt schon an dieses Baumes Wurzel gelegt ist. Denn wir erlebten es, sahen es entsetzten Auges, daß die festesten Häuser feurig gen Himmel fuhren, daß Straßen hingeschmettert. Städte ausgelöscht wurden. Und die wohlgegründete, dauernde Erde, deren Bewohner wir auch dann noch bleiben, wenn das Unsere uns genommen ward, – meinten wir nicht manchmal, das Feste unter unseren Füßen sei nichts mehr als eine dünne, rissige Decke, die zuckend aufreißen könnte, um ein schaurig Tiefes darunter darzutun, oder daß die flüssige Glut des Erdinnern sich nun bis dicht unter unsere Schien heraufgefressen habe und nur darauf warte, um hervorzubrechen in Abertausend Vulkanen? Indessen aber – und es geschehe auf ihm, was da wolle. Großes und Herrliches. Furchtbares und Erniedrigendes –, indessen rast unser Gestirn durch die Nacht des Weltenraumes, geheimnisvoll gebunden an seine Bahn, wunderbar eingeordnet in ein Sonnen- und in ein Milchstraßensystem, rast, in strenger Gemeinschaft mit Millionen von Sternkugeln hinein in die unvorstellbaren, unausfühlbaren Tiefen des Alls, einem Ziele zu, das wir nicht kennen. Wo also, ihr Freunde, wohnen wir, aufs letzte und weiteste gesehen, wo?