Ein Landesbischof hat neulich gesagt, die evangelische Christenheit stünde jetzt da, nur noch auf Gott ausgerichtet. – Gut, daß nicht unsereinem dieser stilistische Schwupper unterlaufen ist: ein Redakteur, der dies geschrieben hätte, wäre gewiß als Militarist von den Lesern verdächtigt worden.

Jeder bleibe eben in bzw. auf seinem Sektor, wenn er in Bildern sprechen will. Oder, anders gesagt: jedes Bild muß geschaut, jede bildhafte Redewendung anschaulich gestaltet sein. Wer das beherzigt, wird jedesmal, wenn ihm das Wort "Sektor" widerfährt, vor seinem geistigen Auge den Kreis sehen und ein Kreisstück, begrenzt durch zwei Halbmesser und ein Stück des Umfangs.

Was für den einen der Sektor ist, das ist für den andern des Wort "global". Aber auch "zur Gänze" oder "ganzheitlich" ist ganz und gar nicht schön.

Im Dritten Reich fühlte sich fast jeder Schriftleiter als Garant für die Reinheit der deutschen Sprache, über die, als solche, er fanatisch unter anderem zu wachen wußte. Seine Vorliebe für bestimmte Schlagwörter, Redensarten und Fehlkonstruktionen, nachdem sie besonders durch Adolf Hitler in seinen Reden dem Volke eingehämmert wurden, war aber zumeist eine unbändige. – Auch jetzt sollte sich der Redakteur als Bürge für einen guten, sauberen Stil fühlen; er sollte das Wort "fanatisch" oder das (in der Münchener Au-Vorstadt beheimatete) "unbändig" vermeiden, sollte "nachdem" brav mit dem Plusquamperfekt verbinden, obwohl (hier darf es beileibe nicht "trotzdem" heißen!) die süddeutsche Sitte, auf "nachdem" das Perfekt, Imperfekt oder gar Präsens folgen zu lassen, anscheinend unaufhaltsam vordringt. Dies Verwischen aller Unterschiede zwischen den einzelnen Tempora ist nur scheinbar ein Gewinn.

Damit haben wir zugleich unter Beweis geteilt ... nein, bewiesen – "unter Beweis stellen" ist nämlich ein juristischer Fachausdruck, der nur in die Rechtssprache gehört und nicht ins Reporterleutsch –, daß uns der Unterschied zwischen "anscheinend" und "scheinbar" geläufig ist. Der Unterschied ist übrigens etwas anderes als die Unterscheidung. Dagegen sehe ich zwischen Unterscheiden und Unterscheidung keinen Unterschied und bevorzuge dieses Wort vor jenem, weil die Häufung von Wörtern auf "ung" die Sprache steif und ungelenk macht. – Viele Menschen sagen: sie bevorzugen das erstere Wort gegenüber dem letzteren. Sie wissen nämlich nicht, daß gewisse Wörter vor allem die Superlative, nicht steigerungsfähig sind. Dazu gehören einzig, total, organisch, und wenn nan’s genau nimmt, auch wesentlich. Diese sind also nicht zu steigern – in keinster Weise!

Andere Wörter, die man nicht steigern kann, zeigen durch diese ihre Eigenschaft an, daß sie keine echten Eigenschaftswörter sind, daß sie also nicht adjektiv verwandt werden dürfen. Das ist nun mal so, und da gibt es weder eine "teilweise" (oder "zeitweise") Ausnahme noch ein "ungefähres" Richtigsein oder eine "extra" Regel. Auch heute, wo man dergleichen leichter nimmt, darf so etwas nicht durchgehen: "wo" ist nur örtlich und niemals zeitlich zu verwenden.

Besonders beliebt bei schreibenden und schriftstellernden Damen sind die als Substantiv aufgezäumten zusammengesetzten Infinitive: das Indie-Gegend-Schauen, das Nicht-mehr-mitspielen-Wollen und das Mit-den-Nerven-fertig-Sein. Das ist, wie man (auch wieder aus weiblichem Munde) so häufig hören muß, "selten häßlich" oder, richtig gesagt, besonders scheußlich. In solchen Bildungen hat der Schreibende jedes Maß verloren. Im modernen Deutsch heißt es aber: "Die Sprachverbildung hat Ausmaße angenommen, die unsere Billigung nicht mehr zu finden vermögen." Niemand kann mir sagen, warum das Wort "Ausmaß" nötig ist,-da ja doch das Wort "Maß" völlig ausreicht; auch der Techniker spricht von Maßen und allenfalls von Abmessungen, und braucht das geschwollene "Ausmaße" nicht, das keinen spezifischen Sinn gibt, keine besonderen Nüancen erschließt. Ebenso überflüssig ist das Wort "benötigen", das obendrein eine schlimme Mißbildung darstellt, da das einfache (nicht zusammengesetzte) Wort "nötigen" als juristischer Fachausdruck einen völlig anderen Sinn hat, nämlich "in Not setzen" bedeutet, und mit "nötig haben" gar nicht mehr in Verbindung zu bringen ist. Dies "benötigen", ein Wort, das die Zahlmeister nach 1914 erfunden und popularisiert haben, brauchen wir also nicht.

Man kann sagen, daß in mancher Hinsicht, in vielen Beziehungen oder in manchem Betracht die Dinge sich gegen früher geändert haben; man sollte aber nie sagen, daß es in vieler Hinsicht anders mit uns geworden, ist. Trotzdem wird so etwas immer wieder geschrieben und von durchaus gebildeten Leuten in Reden und Ansprachen gesagt. Wir haben eben, in unserem Wissen um den Geist der Sprache, noch außerordentlich zuzulernen – nein, auch das ist scheußlich! Das "Wissen um" ist eine rechte Modekrankheit. Schon der Sechsjährige weiß um das kleine Einmaleins ... Und nun das geschwollene "außerordentlich": es ist schlimmstes Papierdeutsch. "Ich war or’ntlich fünsch", sagt Frau Döllmer als Zeugin vor Gericht. Aber im Gerichtssaal der "Altenrepener Post" lesen wir dann bestimmt: "Die Zeugin gab zu, in außerordentlicher Erregung gehandelt zu haben." Wie denn ja auch im gleichen Blatt, wenn über die große politische Versammlung berichtet wird, zu lesen steht: "Der Redner gab seiner Überzeugung dahingehend Ausdruck, daß die Resultate der laufenden Bauarbeiterumschulung durch das Fehlen ausreichender Anlernmöglichkeiten in keiner Weise als ausreichend anzusprechen sind." Nein, Kollege: Der Mann am Rednerpult hat ganz einfach gesagt, daß es an Anlernstellen für Leute fehlte, die als Bauhandwerker umgeschult werden sollten. Aber der Kollege in Altenrepen wird, wie wir seine Einstellung kennen, die Berichte für die "Post" auch weiterhin so aufziehen, wie er’s gewohnt ist... J. P. H.