DIE ZEIT

Der alte Liebermann hat einmal die Bemerkung gemacht: "Die Kunsthistoriker sind nette Leute: die sprechen uns nach unserem Tode alle unsere schlechten Bilder ab." Warum gute Maler zuweilen schlechte-Bilder malen, das hat viele Gründe. Einer davon ist sicher der, daß sie mit den Bildern Geld verdienen müssen. Und ganz sicher ist es schwerer, mit guten Bildern zu verdienen als mit schlechten.

Der Bürger, fänden Kunst eine Angelegenheit von Sonntag, guter Stube und Feierabend ist, hört das nicht gern. In der vom gigantischen Geschmack des Bürgers mit Vorliebe gewählten Zusammenstellung "Faust", "Parsival" und "IX. Symphonie" erscheint es als eine Blasphemie, von Honorar zu sprechen. Aber es läßt sich nun mal die Tatsache, daß alle drei Werke honoriert worden sind, nicht aus der Welt schaffen...

"Betrag dankend erhalten. Goethe."

Die außergewöhnlich umsichtige Art, wie Goethe seinen Verleger Cotta auf dem finanziellen Grill geröstet hat, hat noch heute etwas Bestechendes und gibt dem etwas strengen Bild des Olympiers einen entschieden scharmanten Zug.

Ja, man könnte diesen Gedanken nun um einen Schritt weitem verfolgen. Von dem Honorar, das der Arbeiter des "Faust" erhielt, waren einige Taler für den Osterspaziergang. Von diesen Talern wurde bezahlt ein Frühstück mit Spiegeleiern, Speck und Kaffee. Der Kaffee war, infolge der Kontinentalsperre, ziemlich teuer damals und nur auf dem schwarzen Markt zu erhalten. Jedenfalls hat der Osterspaziergang die Kultur des Abendlandes für anderthalb Jahrhunderte und den Gaumen des Dichters für anderthalb Minuten erfreut. Von der "IX. Symphonie" wurden ein paar Stiefel bezahlt, und vom "Parsival" erhielt die Köchin ihren Lohn.

Die großen Meisterwerke erscheinen alle irgendwann einmal im Haushaltsbuch. Und es ist sehr fraglich, ob Goethe an jenem heiteren Aprilmorgen, als ihm der Kaffee schmeckte – nur, um die Vorstellungen. zu befriedigen, die die Bürger von den Genies haben – bereit gewesen wäre, auf sein Frühstück zu verzichten. Auch das Genie braucht Kalorien. Das hat es mit dem Bürger gemein.