Die Steuersätze, die durch das Gesetz Nr. 12 des Alliierten Kontrollrates festgesetzt worden, brachten wohl für die wenigsten eine Überraschung. Wir alle wissen, daß die Aufgaben, die heute die öffentliche Verwaltung zu erfüllen hat, ganz ungewöhnliche sind. Wir wissen, daß die deutsche Wirtschaft durch den Krieg im Kern getroffen wurde und nur einen Bruchteil ihrer. Leistungsfähigkeit behalten hat. Wir wissen, daß Besatzungskosten, soziale Fürsorge, auch wenn sie nur in den allerdringlichsten Fällen gewährt wird, und die Umsiedlung der Deutschen aus den Ostgebieten zusätzliche Belastungen bedeuten, die von einer geschrumpften Volkswirtschaft getragen werden müssen.

Dennoch sind die neu verkündeten Steuererhöhungen derart, daß sie eine besondere, von Verantwortung gegenüber der Zukunft getragene Betrachtung verdienen. Lohn- und Einkommensteuererhöhungen von 25 bis 3) v. H., Steigerung der Körperschaftssteuer von bisher 30 bis 55 v. H. auf Sätze von 35 bis 65 v. H., Vermögenssteuersätze für natürliche Personen künftig von 1 bis 1 1/2 v. H., für juristische Personen von 2 bis 2 1/2 v. H., Erhöhung der Umsatzsteuer um 50 v. H., nur um die wichtigsten Veränderungen herauszugreifen, schneiden tief in das – Wirtschaftsleben ein. Der Fortfall von Vergünstigungen bringt darüber hinaus noch manche Härte für den Einzelnen mi tsich, die jedoch in Zusammenhang mit allgemeinen Betrachtungen unberücksichtigt bleiben kann.

Die Steuerschraube muß auf das äußerste angezogen werden, um die Lasten zu tragen, die nach einem verlorenen Kriege auf einer Volkswirtschaft liegen. Wobei der Begriff des "äußersten" sich nicht nach Gesichtspunkten der Rücksicht auf Bequemlichkeit oder Wohlleben bestimmt, sondern nur nach dem einen Grundsatz, daß die Steuererträge so hoch wie möglich gehalten werden müssen. Kann es dabei eine Grenze geben? Bedeutet nicht jede Erhöhung der Steuersätze von selbst die Erhöhung der Steuereingänge? Eine derartige Erwägung würde den Erfahrungen der Steuersachverständigen nicht gerecht werden.

Zwei Gesichtspunkte standen früher bei allen Steuerüberlegungen im Vordergrund: Genügend Anreiz zum Arbeiten zu geben und genügend Kielraum zur Bildung von Kapital zu lassen.

Es handelt sich dabei nicht um den Wunsch, dem Einzelnen entgegenzukommen, sondern um die Rücksicht auf den Staat, die Wirtschaft und damit zuletzt auf die Steuereingänge selbst. Ein höheres Einkommen, das in erträglichem Rahmen versteuert wird, wirft dem Staate mehr Ertrag ab, als ein noch so hoch besteuertes Einkommen, das nicht vorhanden ist, sondern eben mit Rücksicht auf äberhohe Steuersätze ausfällt.

Gehen wir von jenem sagenhaften Einkommen des Erben aus, der nichts zu tun hat, als mit der Schere am Ende des Jahres den Dividendenkupon vom ererbten Aktienbesitz abzuschneiden, dann erscheint allerdings jede Besteuerung möglich. Soll jedoch das erhöhte Einkommen verdient werden, so hört der Wille zu arbeiten – und vor allen zu wagen und zu unternehmen – bei einer bestimmten Besteuerung auf. Der Kapitalist, der Steuersätze von 80 v. H. aufzubringen hat – und das wird künftig bereits bei einem Jahreseinkommen von 18 000 RM an der Fall sein –, verliert den Mut, zu wagen, wenn der Gewinn weggesteuert, der vielleicht im kommenden Jahr unvermeidliche Verbist ihm jedoch von niemand ersetzt wird.

Nehmen wir an, ein Unternehmer hat in einem Jahre einen Gewinn von 100 000 RM (hier beginnt die Steuerstufe 95 v. H.), von dem die Steuer ihm 15 000 RM läßt, und im nächsten Jahre einen Vorlust von 20 000 RM, so hat er am Ende von zwei Jahren 5000 RM zugesetzt, wenn wir von den kleinen Vergünstigungen des einkommenfreien Abzug? von 1000 RM und die Abzüge für die Steuerpflichtigen der Steuerklassen II und III absehen. Wird er unter diesen Umständen das Risiko laufen, 10 000 RM zu verlieren, selbst wem er 100 000 RM gewinnen könnte? Er wird sein Kapital, statt es fruchtbringend arbeiten zu lassen, in "Sachwerte" hineinstecken, die wertbeständig sind, wenn sie auch kaum irgendwelche Zinsen tragen. Von der aufzuwendenden Arbeit wird er absehen und sich begnügen, sein Geld allein schaffen zu lassen.