Von Hans Bayer

Ein trübes Licht hängt über der Roten-Kreuz-Baracke in Kassel, wo es nach Schweiß und nassem Leder und nach einer Suppe riecht, die vor zehn Jahren noch keiner gegessen hätte. Auf dem Boden, auf Tischen, Stühlen und Bänken liegt und hockt und kauert das Strandgut menschlichen Elends, aus den überfüllten Eisenbahnzügen. hierher gespült. Ab und zu zwängt sich einer durch das Gewühl und bettelt um Brot.

Kassel ist die große Drehscheibe, der nächtliche Umschlageplatz menschlicher Not. Da ist eine schmale, zarte Frau, mit anmutigen, fast musikalischen Bewegungen, die in einem groben, schlechten Kleid steckt. Vor einem Jahr noch besaß sie ein Gut in Ostpreußen. Ihr Mann ist seit 1942 im Osten vermißt. An seiner Stelle verwaltete sie das Gut, arbeitete Tag und Nacht, bis im Januar 1945 die Winteroffensive der Russen losbrach. Die Partei zwang sie, zu evakuieren. Bei 15 Grad Kälte packte sie ihre Habseligkeiten auf einen Wagen und machte sich auf den Weg. Ihre Zwillinge erfroren unterwegs. Sie fand nicht einmal ein Grab und mußte sie in die offene Weichsel werfen. Todkrank kam sie zu ihren Verwandten nach Pommern, rappelte sich wieder hoch und versuchte, sich als Haushälterin eine Existenz zu schaffen. Vor vier Wochen wurde sie ausgewiesen; die 25 Kilo Gepäck, die sie mitnehmen durfte, wurden geplündert. Nun kauert sie ohne Heimat, ohne Mann und Kind, ohne Geld und ohne Hoffnung in der Roten-Kreuz-Baracke in Kassel, zu stolz, um ein Almosen anzunehmen, und zu verzweifelt, um noch an irgend etwas Gutes glauben zu können.

Kassel ist eine große Drehscheibe, auf der sich der Verkehr aus den drei Besatzungszonen sammelt. Wer 6 Uhr 50. nach Frankfurt fahren will, tut gut daran, um drei Uhr vor der Sperre zu sein. Um vier Uhr wird die Sperre geöffnet, und die Stauflut der Menschen. wälzt sich, von keinem Beamten und von keinem noch so starken Polizeiaufgebot gehalten, zum Zug und balgt sich um die Plätze in den paar Wagen, deren Fensterscheiben heil sind.

Das Reisen ist heute zu einem Abenteuer geworden. Aber der Aufenthalt im Wartesaal offenbar auch. Da findet man Menschen, denen das Schicksal alles nahm, und die durch die Not gezwungen wurden, Hasardeure zu sein, obwohl ihnen jegliche Eignung dazu fehlt: die Ausgewiesenen aus dem Osten und die Kranken und Verstümmelten, die aus der russischen Gefangenschaft entlassen wurden. Sie hocken da, ein paar Lumpen auf dem Leib, die Holzsohlen mit einer Schnur um den Fuß gebunden, die Schädel kahl rasiert. Sie gieren nach Zeitungen – aber was darin steht, ist ihnen gleichgültig. Sie brauchen das Papier, um sich mit grobkörnigem Machorka eine Zigarette zu drehen. Einer ist darunter – er mag zwanzig Jahre alt sein, sieht aber aus wie ein Dreißigjähriger –, der vor zwei Jahren als tot gemeldet wurde und der weiß, daß sie zu Hause schon den Trauergottesdienst für ihn abhielten. Ein anderer gilt seit vier Jahren als vermißt und fürchtet sich vor dem Heimkommen. Sie sprechen viel von den ersten Stunden des Wiedersehens, die ihnen bevorstehen, und sie wissen, daß man sie zuerst für Gespenster halten wird. Aber sind es denn noch dieselben, die vor Jahren die Heimat verließen? In ihren Augen sitzt ein dumpfes Flackern. Ihr Blick vermag auf keinem Gegenstand zu ruhen; es ist, als ob er sich ständig in der ostischen Unendlichkeit verlöre, weit, ganz weit Von hier... Sind sie nicht ein fahler Abklatsch ihrer selbst, wesenlose Schemen, die nichts als den Namen und die Erinnerung mit dem gemeinsam haben, was sie vor Jahren waren und lebten?...

Sie werden ihre Angehörigen finden. Aber die andern: aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus Danzig und aus Pommern? Auch sie stehen umher und warten auf die Züge, um ruhelos von Stadt zu Stadt zu fahren und in anderen zerbombten und ausgebrannten Bahnhöfen zu kampieren, suchen, suchen, suchen. Auf jedem größeren Bahnhof steigen sie aus und kleben zurechtgeschnittene Zettel an, auf denen in ungelenken Buchstaben die Namen ihrer Angehörigen stehen. Und die Zettel reihen sich zu Plakaten, die Plakate zu Wänden, und diese Wände sind nichts anderes als ein einziger menschlicher Verzweiflungsschrei. Mensch schreit nach Mensch, denn wo sollten diese müden, verzweifelten Kreaturen noch Trost und Zuflucht finden, als im Herzen derer, die ihnen nahestehen?

Ein junger Mann ist da, dessen frisches Gesicht plötzlich von Falten durchzogen wird. Innerhalb weniger Minuten geht dort ein unheimlicher Verfallsprozeß vor sich. Das lebhafte Gespräch stockt. "Sie entschuldigen!" sagt der junge Mann, zieht eine Spritze aus dem Lederfutteral, krempelt sich die Hose hoch und sticht sich die Spritze in den Oberschenkel. "Diabetes mellitus", sagt er, während sein Daumen sich leicht durchkrümmt. "Zu deutsch: Zucker. Eine ekelhafte Angelegenheit. Und teuer, verdammt teuer!" Dann erzählt er mir seine Gesuchte, breit und fast genießerisch, wie Kranke von ihrem Leiden erzählen. Mit Durst fing es an. Das war nicht so schlimm, denn Wasser ist ja nicht Bezugsbeschränkt. Dann kam die Müdigkeit. Und schließlich der Hunger. Ein Wolfshunger – "ich bitte Sie, bei diesen Rationen!" Dann der erste Schock, das diabetische Coma: Schwindel, Angstanfälle, Phantasieren, tiefe Ohnmacht. Der Arzt verordnete Insulin.