Von HANS HISS

Schon seit Jahren ist weit über das normale Mai hinaus abgeholzt worden. Da Deutschland immer weniger in der Lage war. Holz einzuführen, und da der Holzbedarf, nicht zuletzt für Rüstung und Krieg, dauernd stieg, mußte der Holzeinschlag immer mehr gesteigert werden. Auch unmittelbar hat der Krieg in großem Umfang zur Verrichtung von Holz geführt. Die mangelnde Versorgung mit Hausbrandkohle hat darüber hinaus im letzten Winter zu einem Holzverbrauch oder, besser gesagt, zu einer Holzvergeudung in einem bisher unbekannten Maße geführt. In Wäldern und Parks, an Straßen und in Gärten, an Dämmen und Knicks werden nicht nur hiebreife Bäume gefällt, sondern zahllose jüngere Bäume fallen der Not der Zeit zum Opfer. Dabei steht der Heizwert des Holzes vielfach in keinem Verhältnis zu den Schäden, die durch das Abholzen angerichtet werden.

Da Deutschland seine großen Wälder in den Ostgebieten verloren hat und da keine Möglichkeit einer Holzeinfuhr besteht, werden unsere Reserven immer stärker in Anspruch genommen. Der Holzbedarf wird, wenn man an die Wiederherstellung der Wohnungen und den Ersatz des Hausrates geht, eher größer als kleiner werden. Dazu kommen die Ansprüche der Besatzungsmächte. 30 000 Festmeter Holz wurden allein im Dezember aus der französischen Besatzungszone nach Frankreich geliefert. Aus der britischen Zone werden monatlich 10 000 t Bauholz herausgeholt und nach England, zur Beschleunigung des Wohnungsbaues, geschafft; die Devisenlage gestattet Großbritannien nicht, vor Bewilligung der amerikanischen Anleihe beliebig viel Holz einzuführen. Aus dem Thüringer Wald kommt die Kunde von großen Abholzungen. Bei der Bodenreform in der russischen Zone wirden die Gutswaldungen zum großen Teil mitaufgeteilt und den Siedlern in Parzellen von höchstens 10 und 12 Morgen zugewiesen. Mit der Begründung, daß diese Wälder nur der Jagdliebhaberei der Großgrundbesitzer gedient hätten, wurde der Holzeinschlag freigegeben. Man kann sich vorstellen, in welchem Maße die neuen Besitzer in diesem Winter von ihren Rechten Gebrauch gemacht haben – zumal sie sonst noch ohne Einnahmen waren.

Dies alles bedroht die deutsche Landschaft mit den schwersten Schäden.

Wenn ein Baum umgelegt wird, so wird eben nicht nur dieser einzelne Baum beseitigt, sondern es wird ein tiefer Eingriff in die pflanzliche "Lebensgemeinschaft" vorgenommen, der dieser Baum angehörte. Jeder Baum und jeder Strauch hat seinen Platz im Wasserhaushalt der Natur. Vor allem aber halten sie gemeinsam mit ihren Wurzeln den Boden fest und schützen ihn vor Austrocknung. Die wohltätigen Wirkungen, die Bäume und Wälder durch Regulieren der Boden- und Luftfeuchtigkeit und durch Windschutz auf die Landschaft ausüben, kommen vor allem in der Bodenfruchtbarkeit zum Ausdruck. Jede Wald- und Baumvernichtung muß über kurz oder lang zu einer Beeinträchtigung der landwirtschaftlichen Erträge führen. Der mitteleuropäischen Landschaft droht mit der Entwaldung die Gefahr, daß an die Stelle ihres ausgeglichenen Klimas das östliche Steppenklima mit seinen viel größeren Gegensätzen der Jahreszeiten mit langen, kalten Wintern und kurzen, heißen Sommern tritt Auf russischen Versuchsstationen ist festgestellt worden, daß das Vorhandensein von Wald die Schneeschmelze verzögert und die Niederschlagsmenge um 20 bis 30 v. H. – im Vergleich mit der nackten Steppe – vergrößert. Die Luftfeuchtigkeit steigt um 3 bis 7, die Bodenfeuchtigkeit um 3 bis 4 v. H.. Die schädliche Wirkung der gefürchteten "Trockenwinde" in dem südrussischen Steppengebiet wird gemildert. Der Feldertrag steigt bei Vorhandensein von Waldstreifen im Steppengebiet um 10 bis 15 v. H. in normal trockenen Jahren. In dürren Jahren aber können dadurch die Ernteerträge leicht doppelt so hoch wie in der freien Steppe werden.

Eines der eindrucksvollsten Beispiele, welche Folgen die übermäßige Abholzung oder auch nur die willkürliche Zerstörung des Pflanzenkleides der Erde hat, bieten die USA. Wegen der Entwaldung größerer Gebiete und infolge des Umbruchs der Grassteppe sind dort in den letzten Jahrzehnten viele Millionen Hektar Landes zur Wüste geworden. Hunderttausende von Farmern mußten mit ihren Familien ihre Heimstätte verlassen und in andern Teilen des Landes ihre Existenz neu begründen. Es war eine der hervorragendsten Taten der Roosevelt-Verwaltung, den Kampf gegen die "Bodenerosion" durch Anpflanzungen größten Stils aufgenommen zu haben. Aber selbst heute ist noch nicht abzusehen, ob es gelingen wird, der Verwüstung Einhalt zu tun.

Ein weiteres Beispiel für die Folgen der Entwaldung bietet das Hinterland aller Mittelmeerküsten. Die trostlosen Karstgebiete Dalmatiens, die kahlen Berge Griechenlands, die unfruchtbare Hochebene Siziliens, die Wüsten Nordafrikas und viele andere Länder: Kornkammern von einst sind heute Elendsgebiete, in denen ein Bruchteil der früheren Menschenzahl ein kümmerliches Dasein fristet.