Nach dem Besuch des ausgezeichneten parodistischen englischen Farbfilms "Blithe Spirit" konnte man Urteile hören wie: "Blödsinn – wozu das? Einmal im Jahr und nie wieder!" Dabei haben die Leute über einzelne komische Situationen schallend gelacht, nur das Ganze war manchem sinnlos erschienen. Warum werden Parodien im Film so schwer verstanden? Der Napoleon-Film von Kurt Götz machte vor Jahren sehr schlechte Kasse. Die Beispiele ließen sich vermehren. Ist der Sinn des Publikums für das Parodistische verkümmert?

Die Parodie lebt nicht aus sich selbst, sondern von einem Vorbild, einem ernsthaften Original, dessen Inhalt oder Form übersteigert, verzerrt, lächerlich gemacht wird. Die Absicht kann spielerische, reine Freude am Spaß sein, sie kann aber auch satirisch, kritisch, erzieherisch wirken wollen. In jedem Fall muß das Publikum das Original kennen, muß wissen, worauf die Parodie anspielt. Wer das parodierte Objekt nicht kennt, scheidet aus dem Kreis der Verstehenden aus; und es ist ein besonderer Reiz der Parodie für den einzelnen in der Menge, wenn er sich angesprochen fühlt durch die versteckte Anspielung und sich schmunzelnd sagen kann, aha, so ist das gemeint, ich gehöre zu den wenigen, die das begreifen, und es freut mich, daß die andern leer ausgehen.

Damit ist auch erklärt, warum Parodien im Film schlechte Kasse machen. Das breite Publikum, nur gewillt, sich gedankenlos unterhalten zu lassen, lehnt ab, wenn es nachdenken, vergleichen, geistig rege sein soll. Wo das Original Allgemeinbesitz ist, übt auch die Parodie breiteste Wirkung aus, so etwa bei den zahllosen Zarah-Leander-Kopien.

Doch diese Forderung der geistigen Regsamkeit ist es nicht allein, die der Parodie die allgemeine Wirkung versagt. Es hat Zeiten gegeben, da Parodien auf allen Märkten verstanden wurden. Die Eselsmessen und Narrenfeste des Mittelalters lebten nicht für ein exklusives Publikum. Die Kirche duldete die Verspottung der Sakramente und Gestalten der Heilsgeschichte, die Geistlichkeit lachte mit. Ja, es ist zu bemerken, daß "gerade in die andächtigsten Zeiten die Narren^ und Eselsfeste fielen, bloß weil da das Ehrwürdige noch seinen weitesten Abstand von diesen Travestierungen behauptete" (Jean Paul).

Wo parodiert wird, muß geistige Freiheit herrschen, muß sich auch das Höchste und Erhabenste vor der Narrenpeitsche nicht fürchten. Dort ist auch die Menge gewohnt, Spötter und Kritiker zu hören. Diese Freiheit und Übung hat uns lange gefehlt. Vieles wurde uns als "erhaben" und "heilig" vorgestellt, ohne daß es die Probe der Parodie bestehen durfte. Man behauptete, das Parodieren sei eine jüdische Eigenschaft (trotz Nestroy, Fr. Th. Vischer u. a.) und wollte damit eine Waffe entschärfen, die man fürchtete. Wir müssen uns wieder gewöhnen und üben im Gebrauch dieser geistigen Freiheit, dann werden das politische Kabarett, der literarische Pranger und der parodistische Film, diese Zerrspiegel der öffentlichen Meinung, auch wieder ihr verstehendes Publikum finden. W. H.