Von Kurt W. L. Gelsner

In Indien gärt es. Das Land der ungeheuren Gegensätze bietet den Anblick eines schlummernden Vulkans. 400 Millionen Menschen, ein Sechstel der Erdbevölkerung, stehen unter Spannung. Wird das Elementare siegen? Oder wird es menschlicher Staatskunst gelingen, die Urkraft abzuleiten in die Kanäle gedanklicher Überlegenheit, gutwilliger Lösung und verständnisvollen Kompromisses?

Die Welt blickt auf Indien und begreift voll Sorge, daß dieses Land ein Kontinent ist mit eigenen Gesetzen und Bedingungen, nur geographisch dem asiatischen Koloß angegliedert. Sie spürt aber auch, daß es asiatische Lebensgefühle sind, die den vulkanischen Hochdruck erzeugen. Sie möchte auf den Zustand ständiger Bewegung verweisen, in dem der Kontinent Indien sich seit jeher befindet, auf Unruhen, Revolten, Glaubenskrieg und unüberbrückbare Kastentrennung. Sie möchte die Schablone vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte auf. die Jetztzeit anwenden und sich damit Beruhigung verschaffen. Aber es bleibt ein Rest von ungeklärten Fragen, und diese Fragen durchlaufen die Presse des Erdenrunds. Was ist diesmal so gefährlich am indischen Vulkan? Was hat sich geändert? Eine amerikanische Zeitung spricht es aus: "Was immer der unmittelbare Anlaß für die Aufstände in Bombay und anderswo in Indien sein mag: die eigentlichen Gründe sind in den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen zu finden, die sich nicht nur in diesem Land, sondern überall im Orient vollziehen. In der Mehrzahl der Länder Asiens drängen die Menschen brauner und gelber Farbe danach, sich von der Herrschaft des weißen Mannes zu befreien."

Indische Soldaten haben in zwei Weltkriegen für das Empire gekämpft Im ersten ließen 114 000 ihr Leben, im zweiten 28 000. "Diese Opfer", sagte der Vizekönig Lord Wavell bei den Siegesfeiern in Delhi, "sind die Grundlage für Indiens künftige Größe." Die ihr Leben ließen, gaben es für ein freies Indien. Beide Male wehte wie ein Banner vor ihren Regimentern das feierliche Versprechen Englands, Indien die Selbstherrschaft zu geben. Die heimgekehrten Soldaten fordern die Einlösung dieses Versprechens, und sie fordern zuerst einmal das Nächstliegende: Gleichstellung mit ihren weißen Kameraden. Sie wollen besseren Lohn und bessere Beförderung. Radikale Elemente haben zum Streik gegriffen. Schießereien, Barrikadenkämpfe und Todesopfer waren die Folge. "Wir wollen das richtige Wort gebrauchen", sagte der britische Oberkommandierende in Indien, General Auchinleck, "das War nicht Streik, sondern Meuterei." Er fügte hinzu, daß die Rädelsführer zur Verantwortung gezogen werden, daß es jedoch keine unnötigen Härten geben solle. Unnötige Hirten? fragten die Soldaten der loyalen Divisionen. Ist eine Armee, die im Zusammenhang mit Meuterern von unnötigen Hirten spricht, noch ein verläßliches Instrument in den Händen der Führung?

Nicht nur auf englischer Seite haben indische Truppen in diesem Krieg gefochten. Starke Kontingente gehörten der aufständischen "Indischen National-Armee" Subhas Chandra Böses an. Ihr Einsatz wird von den Indern weniger unter dem Gesichtspunkt gesehen, daß er illoyal gegen England, als vielmehr, daß er loyal gegen Indien war – das freie Indien. Es reißt sie zu Stürmen der Begeisterung hin, daß ein Inder mit der Waffe für die Freiheit kämpfte. Seine Fehler, seine falschen Entscheidungen, seine Bindung an Japan sind vergessen. Bis in die Elendshütten der Dörfer dringt

sein Bild, bei Demonstrationen wird es durch die Straßen getragen. Empörung trieb die Menge zum Protest gegen Urteile, die Angehörige der I. N. A. des Verrates für schuldig befanden. Bedeutet es einen inneren Zusammenhang, wenn indische Einheiten sich weigerten, auf die Meuterer von Bombay zu schießen? Des toten Böse Geburtstag wurde an manchen Orten wie ein Nationalfeiertag begangen. Die freigesprochenen Verräter werden als Nationalhelden gefeiert. Indische Offiziere grüßen in der Öffentlichkeit die Trikolore des Kongresses.

Seit dem großen Aufstand von 1857 hat es mancherlei Zusagen gegeben. Beteiligung an der Selbstverwaltung, Wahl eigener Abgeordneten, Ausbau des Systems der Abgeordnetenkammer, parlamentarisch verantwortliches Regierungssystem, Provinzialparlamente, Dominion-Status – das sind die Hauptstichworte in der nie abreißenden Debatte um Indien. Staatssekretäre, Vizekönige und die gekrönten Häupter selbst haben in ihr das Wort ergriffen. "Durch Indien ist Britannien asiatische Macht geworden", rief Lord Curzon aus. Nach langem Für und Wider wurde die vorläufige Synthese zwischen englischen Notwendigkeiten und irdischen Ansprüchen gefunden. 1935 trat die indische Verfassung in Kraft, aber das Hauptziel der vollen Selbstverwaltung wurde nicht erreicht.