Von ASCAN KLÉE-GOBERT

Ein Freund, der sich am letzten Jahresende gebrauchte Briefordner fürs Kontor kaufte, entdeckte darin eine Postkarte, geschrieben von meinem Vater im Jahre 1885. Sie enthielt eine belanglose Bestellung eines Vetters zum Abendessen, aber sie war abgestempelt mit dem Poststempel "Pöseldorf". Damit ist die umstrittene Existenz von Pöseldorf erwiesen. Im ersten Jahrgang der "Mitteilungen des Vereins für Hamburgische Geschichte" 1878 heißt es: "Bis vor einigen Jahren bezeichnete auch das Hamburger Adreßbuch mehr rere Straßen vor dem Dammtor als in Pöseldorf belegen. Vergeblich erkundigt man sich nach der genauen Lage und den Grenzen Pöseldorfs, denn niemand weiß Auskunft zu erteilen..."

Pöseldorf lag oder liegt etwa zwischen der Alten Rabenstraße – Mittelweg – Alsterchaussee – Harvestehuder Weg. Im Grunde scheint es sich um jenes freundliche, ja bis in unsere Tage ländliche Gängeviertel um den Pöseldorfer Weg, Böhmersweg, Milchstraße gehandelt zu haben. Die Pöseldorfer sind also eigentlich die kleinen, sehr bodenständigen Handwerker, Einzelhändler und Privatiers jener Gäßchen, die diesen Spitznamen nach einer Auslegung dadurch erworben haben sollten, daß sie feiertags, wenn die Hamburger vor die Tore spazierengingen, bereits damals eifrig in ihren Gärten "pöselten" – ein Ausdruck etwa zwischen "schrebern" und "basteln".

Ende des 19. Jahrhunderts ist aber "Pöseldorf" zweifellos als engere Heimatbezeichnung von den Patrizierkreisen jenes Viertels aufgegriffen, denen "Harvestehude" wohl bereits zu erweitert, um nicht zu sagen vulgär erschien. Pöseldorf nahm nach ihrer Meinung die Position von Boston in den vereinigten Vororten von Hamburg ein. Denn in Boston sitzen die "Mayflowerleute", jene Familien, deren Vorfahren angeblich mit der "Mayflower", dem ersten Einwandererschiff, herübergekommen sind und mit einer mitleidlosen Exklusivität auf ganz Amerika herabsehen. Somit ist die geographische Lage Pöseldorfs weniger interessant als seine soziale Struktur, die sich bereits in der kaufmännisch-sorgfältigen Ablage und Aufbewahrung einer solchen Postkarte über einundsechzig Jahre symbolisch materialisiert hat.

Während die Leute im Gängeviertel sich auf kleinerem Raum erhielten, zog die wachsende Großstadt die oberen Tausend oder ihre Kinder nach sich. Viele verblieben in dem erweiterten Harvestehude, anspruchsvollere bauten die damals modernsten Palais rund um die Alster. Aber diese vermochten nicht darüber zu täuschen, daß sie "nur" an der "Bellevue" oder auf der Uhlenhorst gelegen waren. Aber auch nur die Wohnungen wurden verlegt; niemals dachten die Ausgewanderten daran, auch die Kirche, die Eisbahn, den Tennisplatz des neuen Stadtteils aufzusuchen. Bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges wurden alle Nachfahren der Pöseldorfer Familien in der Johanneskirche konfirmiert und getraut, liefen am Mittelweg Schlittschuh und traten in die Harvestehuder Sportklubs ein, gleichgültig, ob ihnen längst modernere Anlagen vor der eigenen Tür lagen. Mochte sich bei den Jungens eine allmähliche Auflockerung vollziehen, wobei wie immer die Weiblichkeit der eingeborenen Stämme zur Abtrünnigkeit reizte, die Mädchenschule blieb als ein Rocher de bronze, der Generationen von Hamburgerinnen mit einem Zugehörigkeitsgefühl und Kastengeist erfüllte, der seinesgleichen nur in berühmten europäischen Adelsinstituten findet.

Denn in Pöseldorf kannte "man" sich und anerkannte die "Geborenen" nur. Eingeheiratete galten niemals ganz als vollgültig. Thomas Mann zeichnet dieses Verhältnis in Gerda Buddenbrook. Übrigens unterschied man, ob jemand von "drüben" oder aus dem Binnenland kam. "Drüben", Chile, Venezuela, Straits stand einem sehr viel näher als Paderborn, Dresden oder gar Regensburg. Binnenländer waren für den Hamburger das, was "Foreigners" für den Engländer sind. Man nimmt an, daß sie etwa dieselben Lebensgebräuche haben wie man selbst, aber es lohnt sich nicht, sie kennenzulernen. Hin und wieder kamen Töchter begeistert von Festen der aufblühenden rheinischen Industrie, der süddeutschen Aristokratie zurück, aber man bleibt mißtrauisch. "Binnenländer waschen sich nicht ordentlich", erzählte eine echte Pöseldorferin meiner entsetzten Heidelberger Braut bei ihrem ersten Aufenthalt an der Elbe. Auch die binnenländischen Berufe sind nicht "Im und Ex", Assekuranzmakler oder Reeder, somit als Papierfabrikanten, Bergbauingenieure und gar Akademiker höchst verdächtig. Von einer Pöseldorferin, die um 1900 den ersten Anatom in Leipzig geheiratet hatte, wurde noch 1920 erzählt, sie wäre die Frau irgendeines "Arztes" in Sachsen geworden. Zu den Binnenländern gehörten auch die Offiziere des einheimischen Regiments und der benachbarten Garnisonen, denen aus Angst Vor Einheiratung die Häuser an der Alster nur spärlich geöffnet, zum Teil wirklich versperrt waren. In dieser Beziehung hat Hamburg eine militaristisch reine Vergangenheit. Denn in Pöseldorf wurde man Kaufmann oder Jurist. Alle Ambitionen, womöglich künstlerischer Art, werden eisern in der Lehre bei Meyer & Cons. unterdrückt, sie könnten Zuschüsse kosten in Jahren, wo bereits verdient werden kann. In zweifelhafte Berufe wird genau so wenig investiert wie in unsichere Anlagen. "Leben und leben lassen" gilt selten in diesen Kreisen, obwohl die Geschichte zeigt, daß fast kein hanseatisches Vermögen drei Generationen überdauert hat.

Auch äußerlich waren die Pöseldorfer leicht zu erkennen. Die Herren am Regenschirm, die Damen an Stiefeln, in vorgerückten Jahren an einem nestartigen Hut mit Schleier, die Kinder an artigen, zweireihigen Mänteln mit weißen Pikeekragen. Der Gang ist augenfällig, wenn auch schwer beschreiblich, wechselnd nach der Zielsetzung. So schaukelten die Herren gern mit gefurchten Stirnen gewichtig wie Dromedare im langsamen Trab zum Kontor, während einkaufende Mütter, von halberwachsenen Töchtern begleitet, an äsendes Rehwild mit Kitzen erinnerten. Unverkennbar ist die Sprache. Es ist nicht jenes von Binnenländern als allein typisch herausgestellte spitze "s–t", sondern der mit vielen Synkopen belegte, langsame Rhythmus; keinen Widerspruch erwartend und duldend, selbst bei ehrwürdigen Matronen ständig durchsetzt mit Attributen wie "rasend", "wahnsinnig", "brillant", und soweit es sich um etwas der Sprecherin bis dahin unbekannt Gebliebenes handelt: "zuu komisch".