Von Fritz Krischen

Wer immer um eine echte deutsche Bildung bemüht ist, wird zu wählen haben, ob das mit oder ohne die Griechen sein soll, ganz gleich, ob es dabei um eine allgemeine Betreuung wie auf der Volkshochschule oder im besonderen um den Nachwuchs an Künstlern und Gelehrten auf Akademien und Universitäten geht. Eine europäische Bildung ohne die Griechen allerdings wäre einfach widersinnig, weil es ohne die Griechen gar kein Europa gäbe, weil Europa weder ein feststehender geographischer noch eigentlich völkischer Begriff, sondern eine geistige Haltung, und zwar eine griechische Geisteshaltung bedeutet. "Wer sich dem entziehen will, bleibt einfach zurück" (Jakob Burckhardt). Wollen wir aber nicht zurückbleiben, sondern den Maßstab unseres Tuns im Höchsten suchen, das von Deutschen je erstrebt worden ist, so sind wie an die Zeiten und Männer gewiesen, in denen "bisher der deutsche Geist von den Griechen zu lernen am kräftigsten gerungen hat", und sicherlich ist es nicht allein Nietzsches Meinung, "daß dem edelsten Bildungskampfe Goethes, Schillers und Winckelmanns dieses einzige Lob zugesprochen wenden müßte".

Vielleicht hat so mancher junge Deutsche, der sich einmal die Frage vorgelegt hatte, warum denn immer wieder die Griechen, die Antwort darauf gefunden, nachdem er die Akropolis von Athen betreten hat. Wenn er es mit offenen Augen tat, so muß ihm der Eindruck einer Vollkommenheit geblieben sein, die fast übermenschlich genannt werden carf, mindestens aber als übervölkisch und überzeitlich und damit als kostbarstes Erbe für jede Zeit und jedes Volk anzusprechen ist. Wer aber nach "volknaher" und "zeitgemäßer" Weisheit verlangt, der dürfte daran erinnert werden, daß Nietzsche eine Reihe seiner wertvollsten Arbeiten als "unzeitgemäße Betrachtungen", in die Welt geschickt hat. "Alles, was dem Tage angehört, geht nicht und vorzugsweise eine Verbindung ein mit dem Materiellen in uns, mit unseren Interessen, das Vergangene kann wenigstens eher sich verbinden mit dem Geistigen in uns, mit unserem höheren Interesse" (Burckhardt). Und so fordert es unser höheres, geistiges Interesse, freudig zuzugeben, daß die Griechen mit Recht "die Würde und Sonderstellung unter den Völkern in Anspruch nehmen, die dem Genius unter der Masse zukomnt". (Nietzsche). Wie ein solcher Rang erreicht werden konnte, wie er sich gerade in den Bauten der Akropolis offenbaren mußte, läßt sich vielleicht mit einigen sachlichen Erwägungen über die Eigenart dieser Baukunst hinreichend deutlich machen.

Als der Kalkmörtel erfunden wurde – eine unzweifelhaft bedeutsame technische Erfindung –, ist die Architektur von einer sehr vornehmen Höhe zu einem alltäglichen Stande herabgestiegen. Das Bauen der klassischen Zeit hingegen, wie namentlich in den perikleischen Jahrzehnten des fünften Jahrhunderts vor Christus, unter Verwendung edelsten Steines, attischen Marmors mit trockenen, geschliffenen, genau passenden Fugen ergibt eine Technik, die jede andere an Feinheit übertrifft und zur äußersten Durchbildung auch der Form zwingend verpflichtet. Diese Durchbildung der Form aber konnte bis zur Vollkommenheit getrieben werden, weil man nicht darauf ausging, immer neue Probleme aufzuwerfen, sondern die einmal gegebenen immer wieder kritisch durcharbeitete. Und diese Probleme waren sehr einfacher Natur, betrafen nicht etwa schwierige Raumkombinationen oder weitgespannte Konstruktionen, sondern ganz überwiegend die reine Form, Linienführung und Plastik, Rhythmus und Zusammenstimmen aller Maße und Zahlen, eben das, was den Griechen Symmetrie bedeutete, die darunter nie jene mechanisch erzeugte Spiegelgleichheit zweier Gebäudehälften verstanden wie spätere Zeiten. So ist denn eine höchste Reinheit der Formensprache erlangt worden, und nirgendwo in der Welt könnte das Gefühl für die Sprache der Form vollkommener geschult werden, als an den griechischen Beispielen, mindestens so wirksam, wie die deutsche Zunge sich an dem Studium der griechischen und römischen Sprache gebildet hat.

Der Hang zur Abstraktion und damit die gesteigerte Fähigkeit, Unwesentliches abzustoßen, der schon in der griechischen Frühzeit in dem sogenannten geometrischen Stil sichtbar wird, hat die Griechen einerseits dazu geführt, das abstrakte Denken an die Stelle ihres mythischen Weltbildes zu setzen und damit die europäische Wissenschaft erstehen zu lassen, anderseits den Reinigungsprozeß bewirkt, der aus den mannigfaltigsten fremden Vorbildern und Anregungen, kretischen, ägyptischen und vorderasiatischen ihre dorischen und ionischen Weisen entwickelte und dann beide, je reiner, das heißt je griechischer sie wurden, immer stärker einander annäherte und dorische und ionische Dialekte zu einer Weltsprache verschmolz.

Eines ihrer feinsten Ausdrucksmittel ist die Entasis, der eingespannte, angespannte, schwellende Umriß des Säulenschaftes und aller seiner 20 oder 24 Kanten, Stege und -Kanäle. Dieses lebendige Linienspiel der Säule wirkt ansteckend auf den ganzen Bau, so daß schließlich jede mit dem Linial gezogene Gerade als tot empfunden wird. Selbst die Stufen des Unterhaus krümmen sich wie ein Rücken, wenn auch frontal kaum sichtbar, doch in der Längsrichtung gut zu visieren und jedenfalls das Gefühl ansprechend. Ebenso schwingen sich oben die Balken von Säule zu Säule in zwar flachen aber doch nachweislichen Kurven – daß ist bei der vorzüglichen Herstellung des Parthenons in diesen zwanziger Jahren herausgekommen. Architektur verhält sich ebenso wie ein lebendiger Körper, der wohl gerade gewachsen, aber ohne gerade Linien gezeichnet ist Architektur als abstrakte und dabei lebendige Plastik.

Kann es eine natürlichere Gesetzmäßigkeit geben als diejenige des dorischen Kapitells, das zwischen rundem Säulenschaft und eckigem Balken vermittelnd lediglich das runde, schwellende Polster und die quadratische Platte darüber vereinigt? Jedes Glied wird in seiner Besonderheit entwickelt, sogar oberes und unteres Teil eines jeglichen Gebildes, Verschiedenes nicht ohne Gelenk miteinander verbunden, so hat jede horizontale Schicht des Gebälkes, Hauptbalken. Fries und Geison sein oberes, abschließendes Profil, das sich zwischen die Hauptstücke artikulierend einschiebt. An zufälligen, irgend willkürlichen Formell ist fast alles ausgeschieden, nur Triglyphen und Kapitellvoluten erinnern, wenn auch in sublimer Erscheinung, an ihre Herkunft aus besonderen Formenkreisen. Im ganzen ist eine höchste Allgemeingültigkeit erreicht, die wir wohl als einen dauerhaften europäischen Besitz ansprechen dürfen, ähnlich wie es einen Schönheitsbegriff über den Rassen gibt, eben dem verwandt, den auch die Griechen formten. Es heißt, daß selbst fremdartige, exotische Völker dieses Ideal anerkennen, so daß also zwischen den höheren Exemplaren nachbarliche Gesinnung bestände, Rassenhaß und -kampf aber eine Sache der niederen Menschheitsschichten darstellen würde.