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Hun und wieder folgen den großen Katastrophen. den großen Erschöpfungen der europäischen Menschheit die langandauernden politischen Ruhepausen. Die Politik ruht zwar in ihnen nicht – denn sie ruht nie – aber sie führt nicht zu allgemeinen Krisen und kulturvernichtenden Umwälzungen. Eine Zeit politischer Windstille, eine für die Kultur überaus fruchtbare Epoche hat man rückblickend die Jahre nach 1815, nach der Beendigung der napoleonischen Schreckenszeit, genannt. Es war das jener einzigartige Zeitabschnitt, in dem die modernen Nationalkulturen zu ihren vielseitigsten schöpferischen Offenbarungen gelangten, der politische Nationalismus aber noch nicht seine verhängnisvollen Verwicklungen schuf. Den Betriedungsversuch, welcher diese Verwicklungen verhüten wollte, weil er eine Gefährdung der gesamten europäischen Menschheitsordnung dann erblickte, nennt man das System der "Heilgen Allianz".

Heute stehen wir am Ausgang des Prozesses, den die "Heilige Allianz" verhindern wollte, der Zerstörung nämlich Europas durch den entfesselten Nationalismus. Das Nationalgefühl, so wissen wir heute, ist uralt, man möchte sagen ewig, der intolerante Nationalismus aber, der im Laufe des 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts Europa beherrschte, eine zeitlich begrenzte Erscheinung. Die Stifter und Hüter der Allianz, besonders der österreichische Staatskanzler Metternich. befürchteten von Liberalismus. Demokratie und Nationalismus – denn damals gingen diese drei zusammen – die Vernichtung der hochentwickelten Kultur Europas. Gewiß fürchteten die Herrscher und ihre Minister in erster Linie die Beseitigung der monarchischen Ordnung; Metternich insbesondere aber fürchtete in gleicher Weise den Zerfall des ihm anvertrauten großen europäischen Staates, nämlich Österreichs, und die Auflösung jeder sozialen Ordnung in Europa; endgültige Zersetzung und Anarchie glaubte et innerhalb der einseinen Staaten und ebenso innerhalb des europäischen Staatensystems heraufziehen zu sehen.

Die damaligen Monarchen und Staatsmänner waren weit davon entfernt, die Mächte der kommenden Zeiten, die sich ja alle schon im frühen 19. Jahrhundert ankündigten, vollständig zu erkennen. Demokratie und Nationalismus faßten sie ins Auge, die volle Bedeutung aber der technischen Industrialisierung und des kolonialen Inperialismus blieb ihnen verborgen; insbesondere die Ausweitung der modernen Politik über Europa hinaus fand noch keinen Platz in ihrem Weltbild. Ihre politischen Sorgen drehten sich im wesentlichen um Europa, ganz gleich, ob sie ein europäisches Gemeinsamkeitsgefühl besaßen oder nicht. Die Männer von 1815, die Castlereagh, Metternich, Talleyrand usw., empfanden ein Gefühl der Verpflichtung gegenüber unserem Erdteil; für Bismarck wurde dann ja Europa ein nur geographischer Begriff; auch heute gibt es. politisch gesehen, kein Europa mehr, denn es gibt nur noch die unlöslich verflochtene Welt, aber die Sorge um eine Friedens- und Rechtsordnung dieser Welt kennen wir wieder, wie die Männer von 1815 sie für Europa kannten.

In allem übrigen ist die Welt, in der wir heute leben, eine grundsätzlich andere als die nach der napoleonischen Kriegen. Was damals noch regiert; oder zur Herrschaft wiederhergestellt wurde, de Monarchie von Gottes Gnaden, ist verschwunden. Was damals so verabscheut wurde, daß es in offiziellen Sprachgebrauch kaum genannt werden durfte, die Demokratie, ist die Grundlage der politischen Lebens überhaupt geworden; nur darum geht heute der Streit, was wahre Demokratie ist. Aus einer völlig verwandelten Welt heraus blicken wir also auf jene Welt von 1815 – die Welt der Erbmonarchie, der politisch bevorrechteten Geburtsstände, der im wesentlichen agrarischen Wirtschaftsordnungen. Ein Gefühl der Fremdheit muß in um bei ihrem Anblick mitsprechen, ein Bewußtsein tief verwurzelter Andersartigkeit, das aber untrennbar ist vom wahrhaften geschichtlichen Verstehen vergangener Epochen.

Die lange europäische Friedensperiode, die durch den Abschluß der "Heiligen. Allianz" eingeleitet worden ist, hat man bekanntlich auch die "Aera Metternich" genannt. In den Augen der Liberalen und Nationalisten des 19. Jahrhunderts war das ein Zeitalter der kurzsichtigen, unfruchtbaren, ja tyrannischen Reaktion. Als Reaktionäre empfanden sich auch Metternich und seine bekanntesten Mitarbeiter selbst – Männer wie der Publizist Friedrich Gentz – wie die schriftstellernden Diplomaten Prokesch-Osten und Hübner. Nur daß sie Reaktion nicht als Rückschritt verstanden, sondern als Gegenwirkung: als verzögernde und notwendige Gegenwirkung gegen allzu hastigen, das soziale und politische Gleichgewicht Europas bedrohenden Fortschritt, jederzeit müsse im politischen Leben neben dem fortschreitenden das aufhaltende Element am Werke sein, formulierte diese Überzeugung einmal Gentz. Die Kultur des europäischen Kontinents wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Persönlichkeiten getragen, die ähnlich dachten. Goethe, dem es vor allem immer um einen gesicherten großen Kulturraum zu tun war, stand sich ebenso gut mit Metternich, wie er der europäischen Herrschaft Napoleons eine günstige Gesinnung bewiesen hatte. Der große Naturforscher Alexander v. Humboldt, der seinerzeit seinen Arbeitsplatz in der Hauptstadt des napoleonischen Reiches gewählt hatte, unterhielt freundschaftlichen und regen Gedankenaustausch mit dem österreichischen Kanzler; dieser förderte ja seinerseits die Naturwissenschaften und die Medizin, begünstigte den technischen Fortschritt, erkannte frühzeitig die Bedeutung der Eisenbahnen. Der Orientalist Hammer-Purgstall lebte seiner entdeckerischen Wissenschaft, Adalbert Stifter und Grillparzer schufen ihre verinnerlichende und überlegen resignierte Kunst im österreichischen Staatsraum. Ausdrücklich bekannte sich Grillparzer zur friedlichen Verbindung der Nationalitäten in der Donau-Monarchie, ebenso ausdrücklich lehnte er vor und nach 1840 den in Deutschland aufkommenden intoleranten Nationalismus ab. Der französische Historiker Guizot, der die Geschicke des parlamentarisch-konstitutionellen Frankreich in den vierziger Jahren leitete, legte Wert auf das Zusammengehen mit der konservativen Politik des absolutistischen Kanzlers.