Das Schlagwort von der Legitimität war kontinentalen Ursprungs, von Talleyrand wurde es in die Verhandlungen des Wiener Kongresses geworfen. Es bedeutete die Anerkennung der althergebrachten positiven Rechtszustände im Gegensatz zum revolutionären Naturrecht: es umkleidete mit seiner Weihe Vor allem die absoluten Erbmonarchen, sanktionierte aber auch den Bestand althergebrachter republikanischer Regierungs formen. Der englische Außenminister Castlereagh kam den legitimistischen Anschauungen so weit entgegen. daß er nirgends die Entstehung konstitutioneller, der englischen Verfassung verwandter Regterungsformen begünstigte und die Monarchie als die "anständigste" Staatsform bezeichnete.

III.

Trotz dieser Anpassung der britischen Diplomatie an die kontinentale Restaurationspolitik ist der Versuch einer einheitlichen Leitung Europas schon zu Anfang der zwanziger Jahre gescheitert. Im Hinblick auf die öffentliche Meinung seines Landes mußte Castlereagh 1822 in Verona Verwahrung gegen die von Frankreich geplante monarchistische Intervention in Spanien einlegen lassen. Nach Castlereaghs Tode sagte sich sein Nachfolger Canning offiziell von der legitimistischen Politik los. Er lehnte ein gemeinsames Einschreiten der Großmächte gegen Freiheitsbestrebungen sowohl in der Alten Welt als auch in Südamerika ab – fast gleichzeitig verwahrten sich ja die USA in der berühmten Monroedoktrin von 1823 gegen eine solche Einmischung.

Die "Heilige Allianz" hat dann, wenigstens in ihrer praktischen Wirksamkeit, das von England 1814 begründete Konzert der Großmächte nicht lange überlebt Bekanntlich zerbrach sie an der orientalischen Frage, in dem Moment, als Rußland den Freiheitskampf der Griechen unterstützte, und zu diesem Zweck 1826 mit England ein Abkommen schloß. Damit war das Zusammenwirken der größten konservativen Kontinentalmächte Österreich und Rußland auf längere Zeit unterbrochen.

Die Allianz, wie sie sich unter Metternichs Händen entwickelt hatte, sollte dem Auseinanderfallen Europas in bis zur Vernichtung sich bekämpfende Nationalismen vorbeugen. Das besonnene historische Urteil hat dem österreichischen Kanzler zugebilligt, daß er sich gegenüber den kommenden Gefahren der europäischen Entwicklung als scharfsichtiger Diagnostiker bewiesen hat. Aber gleichzeitig kann sich die Geschichtsschreibung der Einsicht nicht verschließen, daß er mehr intellektuell erkennend als vorbeugend handelnd befähigt war. Er hat kommende Katastrophen vorausgesehen, aber er hat sie mit unwirksamen Mitteln zu verhüten versucht. Die Ideen der christlichen Solidarität – wie sie im Ziel der "Heiligen Allianz" beschlossen lag – und der auf Recht begründeten Politik – wie sie doch eben dem Legitimismus, dem Appell an politische Rechtmäßigkeit innewohnen sollte – haben er und seine gleichgesinnten Zeitgenossen nicht schöpferisch mit dem Anspruch des modernen Staatsbürgers auf Selbstregierung und dem Anspruch der Völker auf nationale Freiheit zu verschmelzen verstanden.