Von Hans Zielinski

Marschall Tito ist vor einigen Tagen von einer Reise nach Hause gekommen, die außenpolitisches Gewicht hatte. Er besuchte Warschau und Prag, die Hauptstädte der befreundeten westslawischen Völker, und hat dort Verträge abgeschlossen und Zusicherungen erhalten.

Bedarf es solcher Abkommen unter Staaten, deren Regierungen ideologisch ohnehin einander sehr verwandt sind? Tito ist der Staatschef einer föderalistischen Volksrepublik, des ersten europäischen Staates, der nach russischem Vorbild die sowjetische Staatsform übernommen hat. Er genießt das besondere Vertrauen Stalins, wie die anderen führenden Männer Osteuropas: Bierut in Polen, Benesch in der Tschechoslowakei, Tildy in Ungarn, Hodza in Albanien, Georgieff in Bulgarien, Groza in Rumänien. Alle waren schon einmal im Kreml zu Besuch und haben freundschaftliche Abmachungen getroffen, in denen sie sich des gegenseitigen Beistands und der Zusammenarbeit nach dem Kriege versicherten. Die neuen jugoslawisch-polnischen Vereinbarungen sind genauer gefaßt und können der Grundstock zu einem regionalen Pakt bilden, der seine Vorbilder in den russisch-serbischen Verträgen nach der Jahrhundertwende und in der "Kleinen Entente" des Völkerbundes haben mag.

Das auf zwanzig Jahre befristete Abkommen zwischen Warschau und Belgrad legt fest, daß keiner der Vertragspartner an einer Aktion teilnimmt, die sich gegen den anderen richtet. In strittigen Fällen sind direkte Verhandlungen verabredet. Der dritte Punkt, der interessanteste, sieht die gemeinsame Abwehr eines Angreifers vor. Als Angreifer benennt der Wortlaut des Vertrages Deutschland oder einen seiner früheren Verbündeten.

Tito rechtfertigte diesen regionalen Sicherheitspakt mit dem Hinweis auf die Klausel der Satzung der Vereinten Nationen, die derartige Abkommen zuläßt. Es sei nur zu verständlich, meinte der jugoslawische Staatschef, daß sich die osteuropäischen Staaten dieser Möglichkeit bedienen.

Hat Osteuropa noch einmal einen Angriff Deutschlands oder der gewesenen Achsenmächte zu fürchten? Die jugoslawische Politik hat seit der provisorischen Festigung der Verhältnisse auf dem Balkan einen eigenwilligen Weg eingeschlagen. Obgleich das Land, das die Regierung in Belgrad beherrscht, zu den größten Nutznießern der UNRRA gehört und zum Verband der Vereinten Nationen zählt, fühlt es sich anscheinend ausschließlich dem Osten verbunden, und die öffentliche Meinung ist entsprechend eingestellt. Tito ist nicht nur dabei, in rigoroser Manier einen kommunistischen Staat mit drastischen Methoden der Sozialisierung aufzubauen, sondern er treibt auch eine Außenpolitik, die ihn aus ideologischen Gründen und aktuellen Anlässen in einen Gegensatz zum Westen haben hineinwachsen lassen. Die diplomatische Situation, die sich um die noch festzulegende jugoslawische Westgrenze gebildet hat, dürfte heute ein akuter Anlaß für einen slawischen Pakt sein. Die anderen Grenzen sind gesichert, Wenn auch nicht von einem mächtigen Nachbarn so gut abgeschirmt wie die der Republik Polen.

Tito und seine polnischen Freunde planen auf lange Sicht, wie es der Sokol-Verband einst tat. Ist es ein Zufall, daß in der Gegend von Triest polnische Streitkräfte vom Korps Anders stationiert sind, die im Dienst der Alliierten mittelbar am Entstehen der jungen jugoslawischen Republik beteiligt sind, aber die politische Auffassung ihrer Warschauer Landsleute nicht teilen?