Von Felix Dassel

Glühende Liebe und tiefes "Verständnis" für Anna Karenina, wie es nur ein Neunzehnjähriger aufbringt, ritterlich zarte Regungen für Natascha Rostowa und restlose Anerkennung – natürlich kongeniale – jeder Geste des Fürsten Andrej, dazu ganze hundert nicht kontrollierbare Rubel im Beutel und das Maturitätszeugnis in der Tasche: das war die glückhafte Synthese, die mich im stillen Spätsommer 1909, als das Heu stark duftete und Sehnsüchte zu Taten drängten, nach Jasnaja Poljana führte. Zum Vater meiner geliebten und bewunderten Gestalten, zum großen Tolstoi. Tausend Kilometer im überheißen Waggon voll Staub, Staub, Staub...

Als ich vor dem alten, weitausladenden, weißen Gutshaus unter den mächtigen Bäumen stand, und als zwei zottige Hunde mich mißtrauisch beschnupperten, während ein schneeweißer Barsoi – aristokratisch unberührt – glatt durch mich hindurchsah, gab es mir plötzlich einen Stoß nun erst wurde mir meine Kühnheit klar. Aber da stand ich auch schon im kühlen, großen Vorraum vor einer älteren Dame, die nur Güte ausstrahlte und mir die gebräunte kleine Hand leicht auf den Oberarm legte, als ich etwas von großer Verehrung, weiter Reise und Nur-einmal-sehen-Wollen stotterte.

"Aber natürlich, natürlich, mein Lieber... Wir haben sogar ein Zimmerchen für Sie. Hier gleich nebenan! Und mein Schwager wird bestimmt auch irgendwann ein wenig Zeit für Sie haben. Kommen Sie, das wollen wir gleich arrangieren..." – Das war Tatjana Kusminskaja, die jüngste Schwester der Frau des Dichters und – das Vorbild der Natascha Rostowa, meiner Natascha, des Ursprungs meiner Zärtlichkeitskomplexe und meiner ritterlichen Wallungen.

Ich blieb länger, als ich mir’s erhofft, in Jasnaja Poljana, ich blieb eine volle Woche. Wohl täglich durfte ich den Grafen Tolstoi sehen, durfte ihn sprechen und durfte einmal fast eine Stunde lang mit ihm übers Feld gehen. Mit diesem alten Mann mit langem, grauweißem Bart und den buschigen Augenbrauen, unter denen die Augen immer noch funkeln konnten, mit den vielen, vielen tiefen Furchen und Runzeln auf der Stirn. Ich sah ihn nie anders als in einem langen gelbgrauen Kittelhemd, die Hände gewöhnlich flach in den Leibriemen gesteckt, ganz so, wie ich ihn aus den Zeichnungen und Photographien kannte. Eine Eiche, knorrig, borkig, mit einer Krone, der man die überstandenen Stürme ansieht – eine Eiche, die allein im Felde steht.

Als ich dem Dichter bei diesem Spaziergang gestand, daß ich Schriftsteller werden wolle, und daß vor allem seine "Anna Karenina" es mir angetan hätte, blieb er stehen, und ein leichtes Schmunzeln huschte über das verwitterte Greisenantlitz. Dann sagte er weitergehend:

"So, so, meine Annuschka haben Sie gern... Und schreiben wollen Sie, hm, hm... Wollen Sie schreiben oder müssen Sie es? Sehen Sie, Söhnchen, ich glaube, daß man eigentlich nur dann schreiben sollte, wenn man muß. Dann quillt es heraus, einfach. befreiend für den Autor und überzeugend für den Leser! Ja, ja, so einfach und so natürlich und so, wie es auch in der Wirklichkeit nicht anders sein kann. Wenn ich in dieser Hinsicht an die Anuschka denke..."