Berliner Filmbrief

Berlin, im April

Gewöhnten uns die alten Filme aus dem "Wilden Westen" an den rauhen Anblick von Leichen, so gewöhnen uns die neuen Filme aus dem milden Westen an den geselligen Umgang mit Toten. Nach der Unterwelt, der Halbwelt und der Lebewelt hat das Kino jetzt offenbar endgültig die Geisterwelt entdeckt. Jedenfalls serviert Hollywood den nüchternen Berlinern jetzt einen Filmcocktail nach dem andern, gemischt aus hochprozentigem Spiritismus und Humor.

Der eine erzählt von dem Mann, der ein von seinem Vorfahren einst als Hexe verbranntes, höchst launisches Frauenzimmerchen heiratet, das eigentlich nur wieder Menschenkörper angenommen hat, um sich an dem Ururenkel des Richters für den Verbrennungstod zu rächen, bis die kleine Hexe, von Amor verhext, erkennt, daß Liebe doch die stärkste Zauberkraft ist.

In einem anderen Film spielt ein gestorbener Zeitungsmann einem lebenden Reporter jeweils ein überaktuelles Blatt in die Hand, das schon immer die Ereignisse von morgen wiedergibt. Also auch zukünftige Raubüberfälle und Selbstmordversuche, so daß es zu höchst komischen und aufregenden Verwicklungen kommt.

Und nun flimmert abermals in der "Neuen Skala" ein transzendentes Späßchen über die Leinwand. der Film "Urlaub vom Himmel", der uns ebenfalls, zu einer Fahrt ins Blaue der Metaphysik verführt: Eines schönen Tages, oder eines munteren Jahrtausends (weiß der Himmel, nach welchen Zeitmaßen da oben im Jenseits gerechnet wird!), erscheint auf dem himmlischen Landeplatz ein Boxer, der auf dem Flug zum Weltmeisterschaftskampf abgestürzt ist und von einem übereifrigen Seelensammler zu früh hinaufbefördert wurde, obgleich ihm noch einige Jahrzehnte im irdischen Parterre zu leben bestimmt waren. Den kleinen Irrtum wieder gutzumachen, begibt man sich auf die Erde, um dem Faustkämpfer Gelegenheit zu geben, wieder in seinen Körper zu schlüpfen. Doch der muskulöse Leichnam ist bereits im Krematorium ein unbrauchbares Häufchen Asche geworden. Nun sucht der Faustkämpfer i. e. R. (im ewigen Ruhestand) in Begleitung des himmlischen Flugplatzkommandanten einen ihm zusagenden frischverblichenen Körper, aber keiner entspricht seinem wuchtigen Boxerideal. So jagen sie von Todesfall zu Todesfall, bis die Liebe den Exboxer verleitet, in das ziemlich abgenutzte Leibgehäuse eines Lebemannes zu schlüpfen, das er allerdings bald wieder "in Form" bekommt. Es geht nun in diesem Film sehr verwirrend zu für einen, der schon eine Weile ein nackter Geist ohne fleischliche Garderobe war, und noch aufregender für die andern, die das Vergnügen hatten, den Vorbesitzer des Körpers zu kennen. Das Ganze ist ein hintergründiger Spaß, der aber deshalb bezaubernd ist, weil selbst der Tod darüber sein böses Grinsen’ vergißt und der Seele ermunternd zulächelt, weil er ihr ja doch nichts anhaben kann, der unverwüstlichen, die geschmeidig in einen anderen Körper wie in einen neuen Mantel zu schlüpfen vermag.

Einst glaubten die deutschen Kulturdiktatoren, eine solche Flucht ins Irreale aus der "herrlich harten, stolzen Gegenwart", die sie uns bescherten, nicht dulden zu dürfen. Also war auch der Kunst Tuchfühlung mit dem Leben kommandiert. Und Filmen, die im Scherz oder Ernst sich auch nur ein wenig von der banalen Wirklichkeit lösen wollten, drohte der Schirmherr zornig mit dem Schirm, So wurden die meisten Filmstreifen bei uns zum Fliegenfänger, an dessen zähen Realitäten unsere Phantasie klebenblieb und sich fast zu Tode zappelte. Auch die Phantasie des Filmbesuchers muß sich jetzt erst langsam wieder erholen und sich daran gewöhnen, daß sie frei fliegen kann diesseits und jenseits der dünnen Wände der Wirklichkeit. Werner Fiedler