Der Plan, der die deutsche Industrie und damit die Möglichkeit des deutschen Volkes, zu schaffen und zu leben, festlegen soll, ist vom Alliierten Kontrollrat veröffentlicht worden.

Die deutschen Werke, die jahrelang nur für den Krieg und die Vernichtung gearbeitet haben, wurden einer strengen Prüfung unterworfen. Über sie ist das Urteil gesprochen worden, das sie entweder unter der Bedingung der friedlichen Aufbauarbeit wieder zuläßt oder endgültig ausmerzt. Daß alle Rüstungsindustrien fallen würden, war zu erwarten. Nie wieder soll Deutschland eine militärische Macht darstellen, die in sich die Gefahr bergen könnte, noch einmal den Weltfrieden zu gefährden Daß viele Industrien, die zwar dem Friedensbedarf dienen, aber ohne Schwierigkeiten auf Kriegsbedarf umgestellt werden können, dem gleichen Schicksal verfallen wurden, war zu befürchten. Daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Friedensindustrie ausgebaut und ans Ausland ausgeliefert werden konnte, lag im Bereich der unumgänglichen Wiedergutmachung.

Der jetzt veröffentlichte Plan sieht mehr vor. Er ist darauf angelegt, die deutsche Lebenshaltung hinunterzudrücken. Werke nur deswegen auszutilgen, weil sie dem deutschen Volke eine Lebensmöglichkeit gewähren, die über einem Durchschnitt liegen, der grundsätzlich festgelegt wurde. Maschinen sind zu zerstören, die darauf warten, das friedliche Leben erträglicher zu gestalten, Räder stillzulegen, deren Drehen Arbeit und Brot gewähren könnten. Türen zu schließen, die nicht nur zu täglicher harter Arbeit, sondern geistig gesehen zu Hoffnung, Vertrauen, Lebensmut und zur Arbeitsfreude führen könnten.

Als auf der Potsdamer Konferenz beschlossen wurde, daß der durchschnitliche Lebensstand der deutschen Bevölkerung den europäischen Durchschnitt (England und Rußland ausgenommen) nicht überschreiten dürfe, da mag mancher gedacht haben Was kann das schon bedeuten? Ist nicht Deutschland zerstört, so daß es Jahrzehnte dauern wird, bis mit größter Anstrengung wir wieder den durchschnittlichen europäischen Lebensstand erreicht haben werden? Sind unsere Häuser nicht zerbombt und verbrannt, unsere Habe vernichtet oder in alle Winde zerstreut? Können wir jemals den europäischen Lebensstand erreichen, wenn Millionen unserer besten und kräftigsten Männer gefallen sind, andere Millionen in der Fremde als Kriegsgefangene am Wiederaufbau der verwüsteten Fluren arbeiten? Wenn auf den Schultern unseres schwergeprüften Volkes die Last liegt, für Witwen und Waisen, für Krüppel und Kranke zu sorgen, die durch unsere Schuld so tief getroffen wurden?

Können wir jemals hoffen, das fast unerreichbare Ziel des durchschnittlichen europäischen Lebensstandes zu erreichen, wenn wir in den kommenden Jahren und Jahrzehnten Wiedergutmachung über Wiedergutmachung werden leisten müssen, um so den Lebensstand im übrigen Europa immer höher zu treiben? Und dann fragten wir uns. ob selbst die beste und blühendste Industrie uns die Verluste an weiter Fläche, an Feldern und Wäldern wieder ersetzen könnte, die wir verloren haben. Zusammengepreßt auf engstem Raum, einem Raum, dessen Enge uns selbst nach dem Frieden von Versailles undenkbar vorgekommen wäre, sollten wir die Völker Europas überholen, sie an äußerem Reichtum übertreffen Sind größere Hemmnisse notwendig, um den Wiederaufstieg des deutschen Volkes zu hindern, als die Verluste an Menschen, Hab und Gut, an Land und Handelsflotte, an Städten und Rohstoffgebieten?

Der Sprude des Alliierten Kontrollrates läßt vermuten, daß die in ihm vertretenen Mächte ein grenzenloses Vertrauen in die deutsche Leistungsfähigkeit haben, aus dem Nichts, aus dem Chaos, aus dem äußersten Zusammenbruch einen Lebensstand aufzubauen, der auch nur einigermaßen dem entsprechen würde, was, wir als abendländischen Lebensstand anerkennen könnten, ja darüber hinaus den anderen europäischen Völkern womöglich ein Vorbild dessen zu sein, was Fleiß, Tatkraft. Erfindungsgabe und friedliche Arbeit leisten können.

Wir verstehen bei allem Bemühen und beim besten Willen nicht, was vom Übel wäre, wenn das deutsche Volk das wirklich leisten könnte. Wäre das eine Gefahr für den Weltfrieden? Uns möchte es scheinen, als sei er erst dadurch gesichert, daß die Völker im friedlichen Wettbewerb, durch Gewerbefleiß und Arbeitswillen eine bessere Zukunft anstreben. Die Gefahren, die wir sehen, liegen im Geistigen, in Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Haft und brütendem Vergeltungswillen, niederen Leidenschaften, die uns jahrelang verführten, und die zu bekämpfen wir als Hauptaufgabe des geistigen Wiederaufbaus Europas ansehen.

Im Wirtschaftsplan für Deutschland liegen zwei Gedanken eingeschlossen: Es soll der Grundsatz aufgestellt werden, wonach deutsche Industriewerke für Reparationen freiwerden, weil sie "überflüssig" sind, und sodann der Gedanke, für Zeit und Ewigkeit einen deutschen Lebensstand festliegen. Als Strafe? Als Sorge gegen kommende deutsche Macht? Als Damm gegen einen gebuchteten deutschen Wettbewerb auf den Weltmärkten? Keiner dieser Grundsätze würde mit dem übereinstimmen, was die Atlantikcharter. was die Grundsätze der Demokratie, was die Satzung der UNO enthalten. Die Sowjetunion hat wiederholt erklärt, daß sie das deutsche Volk nicht bestrafen wolle, Sondern nur Wiedergutmachung des angerichteten Unrechts erwarte. Welche andere Nation als die deutsche könnte nach den furchtbaren Erfahrungen letzten Jahre mit mehr Recht von "Strafe" sprechen? Nach den letzten Nachrichten werden viele deutsche Fabriken, die bereits für den Abtransport aus der russischen Besatzungszone vorgemerkt waren, weiterhin in Deutschland verbleiben.

Sorge vor kommendem Wettbewerb scheint die Erklärung der britischen chemischen Industrie anzudeuten. daß die deutsche Anilinerzeugung ganz ausgetilgt werden solle, die-Industrie, auf deren festigen Schultern die chemischen Industrier der Welt, auch die brachen, stehen. Sehen diesen Sen. die von Zerstörung und Vernichtung sprechen, nicht, wie sehr sie sich selbst schaden? Daß sie verkümmern und verdorren müssen, wenn sie sich In stolzer Abgeschlossenheit von jedem fremden Ansporn ausschließen?

Bleibt die Sorge vor kommenden Kriegen. Uns. die wir diese Frage am meisten in unsern Herzen wägen und erwägen, erscheint diese Überschätzung materieller Gesichtspunkte, diese Vernachlässigung geistiger Werte eine kaum abwägbare Gefahr einzuschließen. Wir bangen um uns selbst. Wir fürchten. daß Kräfte festgesetzt werden, die stärker, gewaltiger sind als unser Wille. Wir fürchten die Magie von Vorstellungen, Einbildungen und Sinnbildern.

Seit den Kriegen Ludwigs XIV. liegt das Heidelberger Schloß in Trümmern. Die Ruine schmiegt sich malerisch der Landschaft an, sie bildete jahrhundertelang einen gesuchten Ausflugsort und niemand dachte daran, das Schloß in alter Form wiederherzustellen. Dennoch wurde die Ruine zum Sinnbild unseligen Grenzhaders zwischen dem deutschen und dem französischen Volke, In der Vorstellung wuchs sie empor zu schwindehafter Höhe, und wenn die geistigen Augen sie von Deutschland her anschauten, so fiel ihr Schatten weit über die westlichen Grenzlande. Unselig war das Gebiet, das im Schatten eines solchen Sinnbildes lebte, unselig wurden die Herzen derjenigen, die ein solches Sinnbild nicht ausschließen konnten, um den Nachbarn die Hände zu Frieder und Freundschaft entgegenzustrecken.

Soll ein neues Sinnbild erstellen? Inmitten der Ruinenfelder, die einst deutsche blühende Städte waren, liegt noch hier und da eine wohlerhaltene Fabrik. Die verwüsteten Städte verstehen wir, wir beugen unser Haupt, wenn wir denken, was in Warschau, in Rotterdam und in Belgrad geschah. Aber wenn inmitten der Ruinen die Fabrik geschlossen bleiben würde, ausgeräumt vor den Maschinen, ausgeschlossen aus dem Arbeitsprozeß eines Volkes, das auf den tiefsten Tiefen eines zerschlagenen und zerbombten Wirtschaftslebens wieder ans Licht des Tages zurückstrebt?

So furchtbar, so entsetzlich die Magie sein kann, die von einer alten Ruine ausgehen mag, schrecklicher, lähmender, bezwingender muß die Zauberkraft sein, die von einem wohlerhaltenen Gebäude ausgehen wurde, das durch Menschenwillen, nicht durch das Toren der Elemente, seines vahren Zweckes, seines Sinnes entkleidet wurde.

Wir brauchen die Wirtschaft nicht, um neue Kriege vorzubereiten. Wir brauchen sie nicht, um in Hoffart und Übermut uns über die andern Völker zu erheben. Wir brauchen sie, um leben zu können. Wir wissen aus den Kürzungen der Rationen auf einen Stand, der seit den Tagen des Dreißigjährigen Krieges in Deutschland unbekannt war, daß wir Hilfe vom Auslande brauchen Was können wir jedoch dem Auslande bieten? Wir haben kein Recht, zu erwarten, daß woh tätige Hilfsaktionen uns aus christlicher Barmherzigkeit helfen wie den verwüsteten Ländern der Vereinten Nationen. Wir wollen arbeiten, schaffen, bezahlen, aber können wir das, wenn die Werkzeuge vor unseren Augen ausgebaut oder verboten werden?

Wir haben in den vergangenen Jahren von einem breiten Lebensraum geträumt, und in diese Träume flössen habgierige Gedanken, die sich auf das Gut der Nachbarn und anderer, glücklicherer Nationen richteten. Wir wissen heute, daß aus Unrecht, aus Gewalt und Plünderung niemals Glück und Wohlergehen gedeihen kann. Heute ringen wir un viel weniger, nicht um den Raum, breit zu leben, sondern um atmen zu können. In die Enge, die das heutige Deutschland darstellt, strömen unterbrochen die Flüchtlingsströme aus den Ostgebieten, ja aus ferneren Grenzgebieten herein, wie aus Ungarn. Immer enger wird der Raum, in dem wir atmen. Fast fürchten wir, daß wir an dieser Enge ersticken könnten.

Ein furchtbares Bild drängt sich uns auf. Bei dem Indischen Aufstand um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts sperrten die Aufständischen britische Zivilgefangene, darunter viele Frauen und Kinder, in einen engen Raum, der zu wenig Luft bekam. Die Mehrzahl ist kläglich erstickt, weil die Öffnung, die freie Luftzufuhr erlaubte, zu eng war, und die bloßen Hände nicht ausreichten die Mauern auszureißen und die frische Luft hineinzulassen in den überfüllten Todesraum,

Wenn das deutsche Volk "ich bemüht die Grenzen seiner Lebensmöglichkeiten zu erweitern, das Tor in die Welt aufzureißen, aus dem allein in friedlicher Zusammenarbeit mit andern Völkern Luft zum Atmen hereinströmen kann, so reichen wieder Wille, Verzweiflung und die nackten Hände nicht aus. Wir brauchen Werkzeuge, aber die deutsche Werkzeugindustrie wird auf weniger als ein Achtel hinabgeschraubt, auf 11,4 Prozent der Kapazität des Jahres 1938, und selbst in diesem Rahmen ist noch mit zusätzlichen Beschränkungen für Typ und Größe dar zu bauenden Werkzeugmaschinen zu rechnen! Wir fürchten, daß unsere zerschundenen, blutenden Finger mit dieser Beschränkung nicht mehr in der Lage sein werden, uns den Weg zum Atmen selbst aufzureißen.

Müssen wir verkümmern? Mit dieser Frage allein erschöpft sich noch nicht die Bedeutung des neuen Wirtschaftsplanes. Die Griechen hatten eine Sage, wonach Drachenzähne gesät wurden, und aus dem Boden wuchsen neue Drachen hervor. Die Bestimmungen des Planes sehen einen solchen Gegensatz zwischen Deutschland und den Ländern freier Entfaltungsmöglichkeiten vor, daß sie nur durch strenge Kontrolle durchzuführen sein werden. Behörden und Überwachungsstellen werden geschaffen werden müssen, und sie lasten erneut zusätzlich auf der schrumpfenden, verkümmernden deutschen Volkswirtschaft Reicht das allein nicht aus?

Wie die Drachen, werden aus den Bestimmungen dieses Planes neue Verordnungen emporwachsen müssen, Mauern, die Deutschland weiterhin absperren, sowohl gegen das Ausland, damit steht die Maschinen aus den Ländern des Überflusses nach Deutschland strömen, als auch gegen das Inland gerichtet, daß die hochwertigen Fachkräfte nicht von den feiernden, stillgelegten oder ausgebauten Anlagen weg ins Ausland strömen, wo die Räder sich noch drehen, wo noch Menschen mit Fachkenntnissen, Fähigkeiten und Arbeitswillen gesucht werden. Nur durch strengste Kontrolle kann verhindert werden, daß deutsche Fachkräfte der ganzen Welt einen neuen Lebensstil aufprägen, der aus Hunger und Elend geprägt sein würde.

Wenn wir alle Möglichkeiten erwägen, so wollen wir die Hoffnung nicht ganz fahren lassen. Gewiß! Es fällt schwer, die Aussichten der deutschen Wirtschaft heute noch unter dem festen Aufbauwillen und der Entschlossenheit, alle angerichteten Schäden wieder gutzumachen, zu Betrachten, wenn unsere technischen Möglichkeiten beschränkt werden. Aber das steht nicht im Augenblick im Vordergrund. Wichtiger als alle wirtschaftlichen Erwägungen sind heute diejenigen, die sich mit dem geistigen Erbe des deutschen Volkes befassen.

So schwer wir äußerlich beschränkt werden, so sehr eingeengt wir werden weiterleben müssen, wird sich unser Geist fesseln lassen? Zwei Wege scheinen uns offen zu stehen: Zu verzichten oder durchzustehen. Ist der Geist gefesselt an den Körper und die Voraussetzungen der äußeren Welt, oder kann er sich lösen von allem, wenn er von einem Willen durchdrungen ist. alles hintansetzen, um sein eigenes Reich zu bauen?

Das deutsche Schicksal wird in weitgehendem Maße davon abhängen, ob das ganze deutsche Volk sich auf diese Höhe geistigen Erlebens, geistigen Willens, geistiger Entschlossenheit wird aufschwingen können. Jahrelang haben wir den Geist verhöhnt, das Recht mißachtet, die Macht angebetet. Vielleicht wird die wahre Buße für diesen geistigen Frevel Jetzt darin liegen, daß wir dem Geiste dienen, wenn es schwerfallen wird.

Dann aber, wenn uns das gelingt, wollen wir nicht alle Hoffnungen fahren lassen. Wenn geistige Fragen im Spiele stehen, dann werden Kräfte frei, die vorher niemand übersehen. konnte, wie im Atomzerfall noch Möglichkeiten schlummern, die früher ungeahnt waren.

Wir werden gezwungen sein, ein neues Leben, eine neue Wirtschaft, ein neues Deutschland aufzubauen, und das aus geistigen Kräften. Damit wird vielleicht ein Beispiel gesetzt werden, das in sich revolutionierend, umstürzend und doch im Kern aufbauend und schöpferisch sein wird. Wie das möglich wäre? Wenn wir das wußten, dann brauchten wir den neuen Wirtschaftsplan nicht mit den Augen zu betrachten, die noch aus dem Grauen des letzten Krieges, aus dem Anblick von Schutt und Trümmern und der Hoffnungslosigkeit einer verhängten Zukunft die Kraft zum Schauen verloren haben. Wir können jetzt nur darauf vertrauen, daß Quellen innerer Kraft angeschlagen werden, die uns vorläufig selbst unbekannt sind.

Ernst Samhaber