Von Tami Oelfken

Die Dichterin hat während der Nazizeit ein "Logbuch" geführt und sorgfältig verborgengehalten, damit es die Haussuchungen überdauern Sollte. Wir drucken aus dem Manuskript einen Abschnitt ab.

Wir wissen heute noch nicht, in welchem Ausmaß die Seelen unserer Kinder durch alle jene Ereignisse erschüttert sind, die das Naziregime und der Krieg mit sich bringen. An wieviel heimlicher und öffentlicher Grausamkeit haben sie teilgenommen! Sie standen auf der Straße mit dem Schulranzen auf dem Rücken und ’sahen, wie weinende Menschen von der Polizei abgeholt wurden, wie hilflose Juden verprügelt und bestohlen wurden. Wie oft hörten sie flüstern "Konzentrationslager" und das Wort "abgeholt" und das Wort "Gestapo". Ich entsinne mich mit Schauder dieser Nacht im November 1938, als eine auf Kommando entfesselte Meute die Synagoge anzündete, die Fenster der Geschäftshäuser hier am Kurfürstendamm einschlug. Im Glasgang, den ich passieren muß, um in meine Gartenwohnung zu gelangen, lagen die Käthe-Kruse-Puppen, ihrer Kleider beraubt. Wilde Weiber hatten sie an sich gerissen, und die seltsamen Stoffleiber der Puppen, die blaß und unwirklich dalagen, wurden übereinandergeschichtet und mit roter Tinte begossen.

Bis Mitternacht kamen die Frauen mit den kleinen Kindern auf dem Arm, besorgt, es möchte ihrem Nachwuchs etwas fehlen, wenn er diesen Anblick verpaßt hätte.

Um Mitternacht kam auch der Wagen, der Kurt und die Kinder brachte. Es war grauenvoll, wie die Buben, vollständig verstört, von mir durch die Volksmenge geleitet wurden, weil ich sie in Sicherheit bringen wollte.

Was wird aus unseren Kindern einmal werden, wenn dies alles vorbei ist? Sie haben an dem Schauspiel grenzenloser Unmoral so lange Jahre teilgenommen – jede Seele stumpft durch Roheit ab, wenn niemand den Mut hat, Roheit als Roheit zu brandmarken.

Du erschrickst, wenn jemand lacht. Dir wird bewußt, daß alle diese Späße, die du in den Fensterauslagen siehst, dir Bitterkeit verursachen. "Als Glühwürmchen durch Berlin" ist eine mit Magnesium angeheilte Plakette. Es gibt Porzellan mit eingebrannten Sprüchen, der Rahmen ist voll Edelweiß, der Lieblingsblume des Führers. Auf einer solchen Kachel steht: Der Führer hat immer recht. Auf einer andern: Wir lassen jeden in Frieden; aber wehe, wer uns nicht in Ruhe läßt. Adolf Hitler. Die beliebteste, mit der große Geschäfte gemacht werden: Wer angibt, hat mehr vom Leben.