Von GERD BUCERUS

Als im vergangenen Jahr die deutschen Gewerkschaften ihre zerschlagene Organisation neu aufbauen und dabei zur alten Zentralisation zurückkehren wollten, gaben britische Gewerkschaftskreise den Rat: Keine Zentralisation! Wenn 1933 die deutschen Gewerkschaften dezentralisiert gewesen wären, hätte es nicht genügt, die Spitzen gewaltsam auszuwechseln und so den Damm gegen den Nationalsozialismus mit einem einzigen Schlage auszuschalten. Dezentralisation ist die beste Verteidigung der Demokratie, lautete die englische Empfehlung.

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Der Wegfall der Reichsgewalt hat das Ende zahlreicher Zentralbehörden mit sich gebracht, die wir für den Wiederaufbau unseres Landes schmerzlich vermissen. Selbst Staaten anerkannt demokratischer Prägung mit weitgehendem Unabhängigkeitsgefühl einzelner Stämme und Gruppen können im heutigen Wirtschaftsleben ohne zentrale Ordnung vieler Gebiete nicht bestehen. Das ist anerkannt.

In den letzten Monaten erleben wir aber Erscheinungen, die mit dieser natürlichen Zusammenfassung bestimmter Fachgebiete in übergeordnete Reichsbehörden nur sehr äußerlich zu tun haben. Hier einige Beispiele:

Das deutsche Verkehrswesen war bis 1918 ausschließlich Sache der Länder. Das Ende des vorigen Krieges brachte uns zum ersten Male die deutsche Reichsbahn. Eine weitergehende Übertragung des Verkehrswesens von Ländern, Provinzen und Gemeinden auf das Reich gab es nur in besonderen Ausnahmefällen. Jetzt werden Wir von Bestrebungen überrascht, das gesamte Verkehrswesen der britischen Zone unter einer deutschen Spitzenbehörde zu vereinigen. Die Verkehrsdezernenten der deutschen Städte müssen fürchten, daß möglicherweise gar die Regie der städtischen Straßenbahnen – eine reine Gemeindeangelegenheit und von anderen Gemeindeaufgaben nicht zu trennen – auf diese Zentralbehörde übertragen wird. Der Straßenbau war bisher im wesentlichen Aufgabe der Provinzen und Gemeinden; irgendwo in der britischen Zone hat sich jetzt eine deutsche Stelle aufgetan, die (durch eigene Bauämter die Straßen in den Provinzen und sogar in den Gemeinden bearbeiten will. – In Hamburg war das gesamte Vermessungswesen und das damit zusammenhängende Kataster grundsätzlich Aufgabe der Stadt. Das Vermessungswesen hat – vor allem für den totalen Staat – eminente militärische Bedeutung; deshalb ermächtigte eine vonGöring im Jahre 1944 erlassene Verordnung des "Ministerrates für die Reichsverteidigung" die Übernahme des Vermessungswesens auf Reichsinstanzen. Man sollte es wirklich nicht glauben: aber unter Berufung auf diese Verordnung (gilt sie überhaupt noch?) betreibt heute eine "Reichsinstanz" die Übernahme dieser Gemeindeaufgabe.

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