Die Geschichte eines Dichters, der am Abend seines Lebens von seinen eigenen Lesern mit seinen Büchern bombardiert wird, könnte ein Thema von Knut Hamsun sein – wenn es ihm nicht selber geschehen wäre. Seit Hamsun aus der Haft entlassen wurde, kommen, wie man aus dem Norden hört, täglich die dicken Bücherpakete bei ihm an. So kehren sie alle zum Schöpfer zurück, die Gestalten seines Schaffens, die "Viktoria" und der "Leutnant Glahn" und wie sie alle heißen. Und wenn man den Meldungen Glauben schenken kann, hat man im Wohnort des Dichters eine eigene Poststelle einrichten müssen, sozusagen ein Auffangnetz für all die Bumerangs, die nun zu ihrem Ausgangspunkt zurückfliegen.

Wird "August, der Weltumsegler", diese blutvolle, köstliche Figur aus Hamsuns großen Tagen, nun seinen Vater robust-rumorig auf die Schulter klopfen und ihm treuherzig erklären, was Hamsuns Landsleute ihm auf ihre skurile, wenn auch harte Weise durch ihre Postsendungen zum Ausdruck bringen, nämlich, daß er, von dem man wie von keinem andern Weisheit und Gerechtigkeitssinn erwartete, sich wenig rühmenswert verhielt, als er, der Stolz Norwegens, auf die Nazis setzte? Die Freunde seiner Bücher – und wer gehörte nicht dazu? – werden sich fragen, wie Hamsun dies erträgt, die härteste Demonstration, die einem Dichter von seinen Landsleuten bereitet werden kann. Gewiß, seine Bücher werden bleiben, auch wenn die vergangenen, vom Naziterror überschatteten Jahre längst nur noch eine schaurige Reminiszenz der Geschichte sind. Die Literaturhistoriker werden das, was nun dem Dichter angetan wird, vielleicht nur als ein Kuriosum verzeichnen. Den Zeitgenossen aber, die unter den Trümmern Europas leben und noch an den Wunden der Nazizeit leiden, will es scheinen, daß Hamsun, dem politisch Ungerechten, kein Unrecht geschieht.

M.