Ungefähr zur selben Zeit, als der "Contrat social" den dritten Stand gebar, die Jakobiner und die Girondisten, verlegte Justus Perthes in Gotha sein erstes, genealogisches Handbuch. Es wurde ein einmaliges Nachschlagewerk über alle Familien des europäischen Blutadels – ein güldenes "Wer ist’s?" für die feinere Aristokratie des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

Viele gekrönte Häupter mußten sich seitdem neigen, und heute gibt es nur noch wenige Monarchen, die Adelsprädikate zu vergeben haben. Aber der "Gotha" überdauerte die bürgerlichen Rebellen, die Communarden und den ganzen soziologischen Erdrutsch des freisinnigen, fortschrittlichen, entfesselten und brüchigen Jahrhunderts. Jedes Jahr erschien er in einer neuen Ausgabe – jedesmal eine kleine Bibliothek für sich.

Was war er? Ein heraldisches Lexikon, ein Schimmer aus alten, glorreichen Tagen, eine Postille für Ahnenliebhaber, eine Chronik des gesellschaftlichen Verfalls oder ein Kleinod unter den historischen Dokumenten von des Abendlandes Größe und Herrlichkeit?

Gleichwohl, Soldaten der Roten Armee haben jetzt die Druckpressen abtransportiert. Sie beschlagnahmten die Archive, die von nun an von der unromantischen sowjetrussischen Bürokratie bewacht werden.

Eine Scherbe mehr auf dem großen Kehrichthaufen, den der zweite Weltkrieg zusammenfegte? Für die einen vielleicht. Für die anderen eine kulturhistorische Zäsur. Denn das, was wir europäische Kultur nennen, ist nicht zu begreifen ohne jene Geschlechter, die einst mit Wappen und Helmzier beliehen wurden und deren Nachkommen bis auf den heutigen Tag schön alphabetisch im "Almanach de Gotha" aufgeführt waren. Es gehörte einmal zusammen: der Adel des Blutes und der Gesinnung, die Ethik des christlichen Ritters und der Lebensstil des Kavaliers. Das, was Wolfgang von Eschenbach die ‚,masze" nannte und an Parsifal rühmte. Edelmänner und Edelfrauen haben diesem Ideal durch die Jahrhunderte nachgelebt, bis auch die aristokratischen Familien geblendet wurden von den Göttern unserer Zeit. Der moderne Geist trug viele schillernde Namen: Geld. Bildung, Leistung, Erfolg. Die Mesalliance konnte nicht glücklich werden.

Abschied vom "Gotha" – ein kleines Nachspiel zu einer vollendeten Tragödie. H. Z.