In Brüssel scheint der tote Punkt überwunden zu sein. Sieben Wochen nach den allgemeinen Wahlen ist mit dem wiederbeauftragten sozialistischen Ministerpräsidenten van Acker das Kabinett der "gemäßigten Linken" im Amt. Äußerlich scheint sich nicht viel geändert zu haben, seitdem die Flamen und Wallonen ihre neuen Abgeordneten und Senatoren wählten. Der Kabinettschef hat mehr als zwei Drittel seiner alten Mitarbeiter herangezogen, mit denen er nach dem starken Rechtsruck – dem ersten im Nachkriegseuropa – demissionierte. Ein demokratisches Kuriosum: die stärkste Partei und größte Gewinnerin – die Christlich-Soziale –, die beinahe die Hälfte aller Stimmen auf sich vereinigen konnte, bleibt in der Opposition, weil sie die Zusammenarbeit mit den Kommunisten für untragbar hält.

Ihr Repräsentant, de Schrijwer, versuchte sich als erster an der Regierungsbildung und – scheiterte an den wenigen Mehrstimmen des gegnerischen Mißtrauens. Henri Spaak, Präsident der UNO, Vorkämpfer der alliierten Sache und seit San Franzisko der Vereinten Nationen, der bewährte Minister der belgischen Exilregierung, hatte auch keinen Erfolg. Van Acker hat jetzt auf dem Papier eine Mehrheit von 17 Stimmen bei den Deputierten, im Senat wird eine Stimme den Ausschlag geben. Das ist kein solides Regierungsfundament. Der Ministerpräsident hat deshalb erwogen, beim Prinzregenten Charles und den Kammern um Sondervollmachten nachzusuchen für sein Programm, dessen wichtigste Punkte heißen: endgültige Ordnung der Finanzen – Ausbau der Wirtschaft – Lösung der sozialen Probleme.

Das heiße Eisen der belgischen Innenpolitik wird nicht berührt: soll der König der Belgier aus seinem Schweizer Asyl durch einen Volksentscheid zurückgerufen werden? Die "Leopoldisten" finden sich nicht allein bei den Christlich-Sozialen, deren Stamm die Mitglieder und Wähler der alten "Klepikalen" sind, und die unter anderem Zulauf bekamen aus Kreisen der früheren Rexisten, jener Gruppe, die aus der Katholischen Aktion stammt und deren Führer später Léon Degrehe wurde. Die Domäne der Königstreuen ist Flandern. Die franko phile und rationalistisch eingestellte Wallonie ist reservierter oder ablehnend.

"Einigkeit ist Stärke" heißt der Wahlspruch des Königreichs. Während des Krieges haben Widerstandsbewegung und Emigration füreinander gearbeitet. Doch nach dem Abzug der deutschen Truppen machten sich die zentrifugalen Kräfte wieder bemerkbar. In Lüttich beschloß eine wallonische Autonomistengruppe, auf einen Anschluß an Frankreich hinzuarbeiten, und die Stellung zum Monarchen begann das Volk aufzuspalten. Das sind die politischen Fakten, denen van Acker nach Möglichkeit ausweichen möchte. Das Weißbuch, durch das König Leopold seine Haltung während des Krieges rechtfertigen will, wird sie ohnehin in den Vordergrund rücken.

Das neue Kabinett will sich ganz der Nachkriegskonjunktur des Landes widmen, die schon die ersten Früchte getragen hat. Belgien hat in den vergangenen 18 Monaten ein erstaunliches Tempo in der wirtschaftlichen Entfaltung vorgelegt. Die Währung wurde stabilisiert, der Import vervierfachte sich, der Export ist auf mehr als das Achtfache gesteigert, die Läden sind besser ausgestattet als in andern europäischen Ländern. Zwar brauchte sich Belgien nicht von der Kriegs- auf die Friedensindustrie umzustellen, die Städte und Gruben waren kaum zerstört, die reiche Kolonie war erhalten und der Hafen von Antwerpen wie durch ein Wunder unzerstört geblieben.

Die belgischen Wähler waren also kaum unzufrieden mit den organisatorischen Leistungen der vorangegangenen Regierungen Pierlot und van Acker, als sie ihre Stimmen den Christlich-Sozialen gaben, deren wichtigste Programmpunkte die Einführung des Frauenwahlrechts und die Rückkehr des Königs Leopold sind.

Belgien verdankt der Idee vom Selbstbestimmungsrecht der Völker seine Selbständigkeit, die Flamen und Wallonen sind moderne Demokraten, aber viele von ihnen lieben den König, nicht als Reaktionäre, sondern als Menschen.

Hans Zielinski