Das Landhaus war von zwei Luftminen durchgepustet. Nur das Erdgeschoß war noch bewohnbar. Der Professor hatte keine Schwierigkeiten gehabt, die Einweisung in die Ruine zu erhalten. In einem zweifenstrigen Raum nach Norden, aus dem eine Tür in den nur noch mit Baumstümpfen bestandenen Garten führte, hatte er sich sein Malatelier eingerichtet. Ein kleines Nebenzimmer diente ihm als Schlafstube, und ein Ofen, den er aus einem Nachbargrundstück organisiert hatte, ermöglichte es ihm, sich mit dem vielen Bruchholz, das jetzt, im August, noch überall herumlag, wenigstens einen Tee oder eine Suppe zu kochen.

Dreimal ausgebombt, hatte der Professor nicht viel gerettet. Ein paar Porträts schmückten die Wände des Arbeitsraums. Aber er war nicht unzufrieden. Er konnte ungestört arbeiten und hatte sogar hin und wieder Gesellschaft. Es war nicht nur sein Freund, der Chirurg Dr. Salis, der in einer Nachbarvilla einen Unterschlupf gefunden hatte, der ihn besuchte. Eine große gelbe Katze, ein schönes, träges Tier, dessen Heimatstätte ihm unbekannt war, stattete ihm fast täglich eine Visite ab und gewöhnte sich immer mehr an sein Haus, so daß sie schon manchmal auch über Nacht bei ihm blieb. Nur daß es ihm noch an Aufträgen fehlte, quälte ihn. Die Menschen hatten andere Sorgen, als sich porträtieren zu lassen. So suchte er, wenn er durch die Ruinenstraßen des Vorrorts streifte, nach Antlitzen, an denen er seine Kunst hätte neu entzünden können. Er hielt keine Ausschau nach schönen Gesichtern, er forschte nach Menschen, aus denen er das Leid und den Jammer des zwölfjährigen Tausendjahrreichs hätte transparent machen können. Daran mangelte es nicht; doch hinderte ihn eine tiefe Scham, solche Personen anzusprechen, ob sie ihm nicht zu eiinem Bildnis sitzen möchten. Er wußte zu gut, wie jeder empfindlich geworden war, und fürchtete eine ironische oder gar zynische Ablehnung, gehemmt auch durch die heimliche Furcht, er müßte sich erst umständlich erklären, auf alten und vielleicht doch schon verschlissenen Ruhm pochen und renommieren, um eine halbe Zusage zu erhalten.

Seine Erscheinung war bald in der neuen Umgebung bekannt. Es gab auch hier noch Kenner, die von seiner einstigen Berühmtheit wußten, obwohl die sogenannten feinen Leute es fast sämtlich vorgezogen hätten, beim Russenvormarsch auf Berlin ihre Villen ihren Hauswarten zu überlassen. Ein Riese, einmal sogar ein Boxgewaltiger mit Schwergewichtsformat, der diesen Sport nur ungern aufgegeben hatte, um seine kostbare Rechte nicht ungelenk werden zu lassen, war auch er durch die Entbehrungen der letzten Kriegsjahre sehr heruntergekommen. Er wirkte jetzt mehr als hager, der Rücken des nun bald Sechzigjährigen fing an, sich schon zu beugen, und die Haut des Gesichts saß faltenreich entspannt und schlaff über dem Knochengerüst von Nase und Kinn, die große und gewaltige Form des Schädels, dessen Haare auch, dünn und fast schon weiß geworden waren, beinahe skelettierend.

So stand es um ihn, als man eines Tages in der Nebenstraße, auf die, über einen schmalen Gartenstreifen, die Fenster seines Notateliers hinausgingen, lärmend zu arbeiten begann. Der zivile Luftschutz hatte hier ein Wasserbassin gebaut. Niemand konnte sagen, wozu; denn man hätte von da aus, selbst mit den längsten Schlauchleitungen, höchstens ein halbes Dutzend Landhäuser ohne jeden öffentlichen Wert löschen können. Selbstverständlich war auch dieser Unfug nicht fertig geworden; es standen zwar die Mauern des Bassins, aber die Betonierung fehlte, so daß man kein Wasser hatte einfüllen können. Jetzt mußte die Straße zur Durchfahrt wieder freigemacht werden. Die Bürgermeisterei hatte einen Trupp von Frauen und Mädchen eingesetzt, die unbeschäftigt waren und die Arbeit auch nicht ungern ausführten, da sie so in eine höhere Ernährungsgruppe kamen, um die Ziegelsteine, die ein paar Facharbeiter aus den Mauern lösten, zu säubern und wieder verwendungsfähig zu machen.

Während der Professor unlustig an alten Skizzen herumpinselte, machte er sich langsam mit dieser Arbeitsschar vertraut. Er griff auch hin und wieder zum Zeichenstift, eine Haltung, eine Bewegung, einen Kopf dieser schaffenden und munter schwatzenden Frauen festzuhalten. Das ging so einige Wochen, bis die Ablenkung nicht mehr neu war und selbst die Katze nicht mehr im Fenster saß, um schnurrend zu betrachten, was da draußen vorging. Aber da erschien eines Morgens in dem Trupp ein Mädchen, das bisher noch nicht dazu gehört hatte. Es war blutjung, der Professor schätzte es auf fünfzehn Jahre, sichtlich intelligent und gut: erzogen, wahrscheinlich eine Sekundanerin, deren Klasse noch nicht im Gang war, blond, schmal, mit noch eckigen Formen und unausgeglichenen Gebärden, aber trotzdem graziös, sozusagen mehr Fohlen im Übergang als etwa Wachstumskätzchen, karg, knapp, ein wenig holprig und – fahrig in seiner Arbeit und nur hin und wieder, wenn es ein paar Augenblicke ausruhte, die langen Beine in den grauen Flanellhosen ausstreckte und sich aus dem Bücken hochdehnte, etwas von dem Liebreiz offenbarend, der noch als ungewußtes Geheimnis in dem werdenden Mädchenkörper verborgen lag.

Der Professor hörte bald, daß man das Mädchen Daniela rief. Er fand den Namen apart und für das kleine Fräulein, das bei aller Dienstwilligkeit und Freundlichkeit gegen die Älteren Abstand zu wahren wußte, passend. Leider saß das Mädchen, auch in den folgenden Tagen, nicht so nahe, daß er ihr Gesicht genauer studieren konnte, doch machte er ein paar Bewegungsstudien von ihr und mußte nach wenigen Tagen feststellen, daß er unruhig wurde, als sie einmal nicht an ihrem Platz erschien. Die Katze, die er Mira getauft hatte, entzog sich auf dem Fensterbrett seiner Hand, weil sie wohl spürte, daß er mit seiner Zärtlichkeit nicht bei ihr war, und blieb den ganzen Tag über verschwunden, als er ausging, das Mädchen vielleicht an feiner andern Stelle zu finden.

Er fand sie nicht. Sie kam nicht wieder. Der Professor spürte eine leise Trauer. Doch der Zufall kam ihm zu Hilfe. Als er eines Abends mit Dr. Salis eine Vortragsveranstaltung in einer Schulaula besuchte, tauchte Daniela ebenfalls dort auf. Sie war in Begleitung einer weißhaarigen Dame, die ihre Mutter, aber auch ihre Großmutter sein konnte. Da die beiden Spätkommenden auf einer Seitenbank Platz nehmen mußten, konnte der Professor Daniela zum ersten Male richtig in der Nähe sehen.