Das Haus hat keine nähere Adresse. Aber es existiert. Wer Hamburg kennt – denn in dieser Stadt steht das besagte Haus –, dem dürfte damit gedient sein, zu erfahren, daß die Gegend zwischen Bundes- und Hallerstraße gemeint ist. Soll man deutlicher werden? Es ist ein Miethaus in einer gutbürgerlichen Wohngegend. Drei Viertel der Gegend ist freilich Geröll und Wüstenei geworden. Aber das Haus steht noch. Es ist ein weißes Eckhaus mit großen Fenstern und Balkonen. Noch deutlicher? Nein, die Bewohner würden am Ende peinlich berührt sein – wie man in dieser Gegend überhaupt noch gelegentlich die gut hamburgische Sitte hochhält, peinlich berührt zu sein. Und eben darum hat das Haus keine nähere Adresse.

Ein tapferer Kasten

Weiß Gott, wenn man abends unter der Dämmerung des Weges kommt, so erinnert dieses Eckhaus an ein Schiff, das mit seinem fahlen, spitzen Bug soeben wieder seine Reise durch das Meer der Nacht angetreten hat. Und man denkt, daß es vielleicht nicht einfach sein dürfte, das Schiff durch die Dunkelheit zu steuern, wo es doch so überfüllt ist, so menschen- und sorgenbeladen, und wo es doch nicht genug Kohlen hat, die Kessel ordentlich zu heizen und die Schornsteine ordentlich qualmen zu lassen. Überhaupt treibt ja gerade in dieser Zone der Stadt manches Häuserwrack umher und knirscht mit alten Ziegelsteinen und klappert mit losen Blechwänden und wackeligen, freischwebenden Rohren seit jenen Sturmnächten, die nun gottlob schon ein rundes Jahr vergangen sind. Aber dieser eine wackere Kasten hat sich tapfer gehalten. Er hätte es verdient, daß man einen frommen Spruch über der Haustür anbrächte oder eine schöne Galeonsfigur.

Wenn man spätabends vorüberkommt, sieht man meistens die Fenster des ersten Stockwerks erleuchtet, während die andern Fenster im Dunkel liegen. Man denkt, daß der Kapitän dort seine Räume hat. Man denkt an eine Kommandobrücke. Und daran ist wirklich etwas Wahres. Als das Schiff Nacht für Nacht gegen die Stürme zu kämpfen hatte, blieb ein Mensch an Bord. Das mußte also der Kapitän sein, nein, eine Kapitänin, eine Frau. Sie hatte ihrem Mann damals, als er den Soldatenrock anziehen mußte, gesagt: "Sorge dich nicht. Ich bleibe da. Ich passe auf die Wohnung auf."

Die Düfte wechselten...

Das Schicksal des Hauses ist im übrigen rasch skizziert. Die Mieter ließen sich evakuieren. Es waren ruhige Mieter mittleren Komforts, die mit wenig Kindern in Sechseinhalb-Zimmer-Wohnungen saßen. Inzwischen ist ein Teil von ihnen zurückgekehrt. Aber sie haben sich jetzt mit drei oder gar vier Familien in denselben Raum zu teilen. Und an Kindersegen ist nun kein Mangel mehr. Das alles aber ist typisch nicht nur für diese Wohngegend, sondern für ganz Hamburg, ja sogar für die deutschen Großstädte allgemein. Dem Wochenendbesucher – denn heute ist Sonnabend – fällt jedoch zunächst etwas anderes auf: Während es in Häusern wie diesem früher geradezu übertrieben nach Sidol und Bohnerwachs roch, riecht es jetzt nach Windeln und Abwaschwasser; von dem ewigen Steckrübenduft ganz zu schweigen.

"Ruskaja dama"