Großbritannien hat Transjordanien als unabhängigen Staat anerkannt und mit dem Emir einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen. In Ägypten werden Verhandlungen geführt, die eine völlige Räumung des Landes von britischen Truppen anstreben mit dem Wunsch, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Nilland und England dadurch auf eine feste und dauerhafte Grundlage zu stellen.

Diese diplomatischen Bemühungen Englands bilden nur einen Ausschnitt aus einer ganzen Reihe von Vorgängen, die sich um die arabische Frage herumgruppieren und die uns erkennen lassen, daß über den Rahmen der Tagesfragen hinaus eine grundsätzliche Regelung angestrebt wird. Die Hintergründe reichen vielfach bis weit in das vergangene Jahrhundert zurück.

Ausgangspunkt der heutigen arabischen Probleme ist die alte orientalische Frage, die aus der Auflösung des Osmanenreiches erwuchs. Die frühere Türkei war kein Nationalstaat, sondern ein orientalischer Machtstaat, der in einer starken Führung die Macht zusammenballte, ohne die unterworfenen Gebiete in die Verantwortung hineinzunehmen oder ihnen eine Selbstverwaltung zuzugestehen. Das Anwachsen der aus Europa hereindringenden liberalistischen Nationalbestrebungen und die von Jahr zu Jahr deutlicher sichtbar werdende Schwäche der Führung ließ diese Situation allmählich zu einem internationalen Problem werden. Die europäischen Gebiete lösten sich zuerst, weil die Russen hinter den Balkanvölkern standen, die Araber aber wurden lange Zeit kulturell von Frankreich aus gestützt. Frankreich konnte sich dabei auf Staatsverträge berufen, die bis ins Jahr 1528 zurückreichen und die ihm den Schutz der Heiligen Stätten in Jerusalem und aller katholischen Christen in der Levante anvertraute. Frei wurden die Araber dann im ersten Weltkrieg durch die militärischen Erfolge der Engländer. Sie haben jedoch nicht unwesentlich selbst zu diesem Erfolg beigetragen durch den "Aufstand in der Wüste", den der englische Offizier Lawrence organisierte. Daraus ergaben sich neue Probleme.

Als 1918 der Krieg endete, lagen verschiedene Pläne, sogar bindende Abmachungen vor, die sich nicht immer in Übereinstimmung bringen ließen. Im März 1916, also unter dem Eindruck des Mißerfolgs von Gallipoli und in Erwartung des deutschen Angriffs auf Verdun, als die britische Armee noch nicht eingriffsbereit war, schlossen Sir Mark Sykes für England und Picot für Frankreich einen Vertrag, wonach die syrischen Küstengebiete bis weit nach Kleinasien hinein an Frankreich fallen sollten. Der Norden des Binnenlandes mit Aleppo, Damaskus und Mossul sollte französisches, der Süden mit dem Ölgebiet von Kerkuk englisches Einflußgebiet werden. Über die Entscheidung, wem Palästina gehören sollte, herrschte Unklarheit.

Inzwischen hatten andere britische Dienststellen den Arabern große Versprechungen gemacht, sie sollten in der gesamten arabischen Welt, also von Kleinasien an südostwärts, völlige Freiheit der politischen Willensbildung erhalten. Dazu kam dann noch das Versprechen an die Juden, Palästina zu einer nationalen Heimstätte für sie umzuwandeln.

Die Unvereinbarkeit dieser drei Versprechungen kennzeichnen die britische Orientpolitik seit 1918. Sie führte beim Friedensschluß zur Schaffung der britischen Mandatsgebiete Irak und Palästina mit Trans Jordanien und des französischen Mandats über Syrien und Libanon. Irak konnte verhältnismäßig früh unabhängig werden, wenn auch britische Truppen weiterhin im Lande verblieben. Gegen diese Lösung haben sich auch in England viele Stimmen, darunter die des Anführers des "Aufstandes in der Wüste", Lawrence, erhoben. Eine wirkliche Zusammenarbeit zwischen England und der arabischen Welt ist nur möglich, wenn den Arabern die arabischsprechenden Länder als freie, unabhängige Staaten übergeben werden. Das heißt Verzicht auf die Mandate und freundschaftliche Regelung der Palästinafrage. Ist England im Augenblick entschlossen, diesen Weg zu, gehen?

Als die Truppen des Generals de Gaulle 1941 in Syrien unter britischem Befehl einmarschierten, wurde den Syriern die völlige Unabhängigkeit versprochen. Die letzten Abmachungen über Zurückziehung der britischen und französischen Truppen aus der Levante zeigen, daß dieses Versprechen eingehalten werden wird. Über Palästina wird noch verhandelt, weil die Nordamerikaner ein lebhaftes Interesse daran nehmen – es scheint so, als ob der Präsidentenwechsel von Roosevelt zu Truman eine Lösung erleichtert hätte. So könnte man meinen, daß sich die Wünsche von Lawrence nachträglich erfüllen-, inzwischen sind jedoch neue Probleme aufgetaucht.

Die Franzosen haben den Sandschak Alexandrette und damit einen wichtigen Hafen Syriens vor dem zweiten Weltkrieg an die Türkei abgetreten. Die Araber lehnei diese Grenzverschiebung, die aus Rücksicht auf die Bedeutung der Türkei in einem europäischen Krieg zurückgeführt werden kann, ab. Wichtiger erscheint die innere Machtverschiebung, die seit dem ersten Weltkrieg eingetreten ist und im Aufgehen des Hedschas und damit des eigentlichen Bundesgenossen Englands in Saudiarabien besteht. Heute steht Saudien mit rund 6 Millionen Einwohnern an zweiter Stelle der arabischen Staaten, hinter Ägypten (mit 16 Millionen Einwohnern, ohne den Sudan, der nochmals über 6 Millionen Bewohner zählt), vor dem Irak mit 5 Millionen, vor Syrien mit zweieinviertel Millionen, Palästina mit anderthalb Millionen, dem Jemen mit einer Million und Libanon mit rund 900 000 Bewohnern, während Transjordanien nur 300 000 Einwohner aufweist.

Saudiarabien ist entschlossen, eine ausgesprochen arabische Außenpolitik zu treiben; das zeigte besonders deutlich der Besuch des Thronfolgers in Ägypten vor Beginn der Verhandlungen dieses Landes mit England. Aber wie steht Saudien zur Weltpolitik?

Die orientalischen Staaten, die Türkei, Iran, Irak und Afghanistin, schlossen am 8. Juli 1937 im Schloß Seedaten in Teheran einen Freundschaftsvertrag, der während des zweiten Weltkrieges in Kraft getreten wäre, wenn eine orientalische Macht von außen angegriffen worden wäre. Bei der Besetzung Persiens durch die Russen, Engländer und Amerikaner stand diese Frage bereits zur Beratung, und wenn damals eine Vereinbarung getroffen wurde, die die Dauer der Besetzung auf sechs Monate nach Kriegsende festsetzte, so lag das nicht zuletzt in der Rücksicht auf die orientalische Welt begründet. Vor wenigen Wochen schlossen die Türkei und der Irak einen neuen Vertrag, der die Brücke zwischen der Türkei und der arabischen Welt bilden wird. Die russische Presse hat Bedenken geäußert, daß im Vorderen Orient eine Mächtegruppe entstehen könnte, die eine der russischen entgegengesetzte Politik unter Anlehnung an den Westen, insbesondere an England, treiben könnte. Um diese Besorgnis zu verstehen, müssen wir die besonderen sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen im Orient innerhalb der letzten drei Jahrzehnte berücksichtigen.

Die englische Politik stützt sich immer noch wie in der Vergangenheit stark auf die führenden Schichten der Gebildeten und der Großgrundbesitzer. Seit Jahrtausenden herrschen diese uneingeschränkt und halten ihre Macht noch fest in Händen. Nach dem ersten Weltkrieg bildeten sich jedoch überall neue Gruppen, geführt häufig von der nationalistischen Jugend, die aus den alten Bindungen herausstrebt und die große soziale Erneuerung will. Besonders deutlich wurde diese Entwicklung in Ägypten, wo in den letzten Jahrzehnten der allgemeine Reichtum sehr zugenommen hat, seitdem die Vernachlässigung durch die alte osmanische Bürokratie einer strafferen Verwaltung Platz machte. Dazu kam bahnbrechend der Kraftwagen, der zusammen mit dem Flugzeug eine Überwachung und damit Sicherung des inneren Friedens brachte, wie er früher unvorstellbar gewesen wäre. Selbst Saudiarabien konnte daran denken, seine schweifenden Nomaden seßhaft zu machen und an den Staat zu binden.

Die große Bedeutung der arabischen Welt in der Politik, die durch die außergewöhnliche Lage zwischen drei Erdteilen bedingt ist, wird weiter gesteigert durch die Erwartung, daß Arabien einmal eines der reichsten Erdölgebiete der Erde werden wird. Ob sich allerdings die optimistischen Hoffnungen mancher Geologen bewahrheiten werden, daß die arabische Halbinsel auf einem riesigen unterirdischen Erdölteich schwimme, der von den kaukasischen Gebieten der Sowjetunion über die Fundstellen Persiens und des Iran und über die reichen Bahreininseln bis an das Rote Meer reiche, muß erst die Zeit lehren.

Sichtbar jedoch ist heute schon die Bedeutung Arabiens für den kommenden Weltluftverkehr, und hier setzen die amerikanischen Wünsche ein, um die Fragen noch mannigfaltiger werden zu lassen.