Es ist ein wenig zur Manie geworden, Stücken, die vor diesem Kriege geschrieben und aufgeführt worden sind, mit Mißtrauen zu begegnen, wenn sie heute auf der Bühne erscheinen. Nicht immer mit Unrecht, wie die Erfahrung gezeigt hat. Vieles will uns nicht mehr recht behagen, was wir vordem mit Vergnügen gesehen haben: Spöttisches, Leichtfertiges, zu dessen Genuß man eines Gefühls froher Sicherheit nicht entraten darf, aber auch Problematisches, Gesellschaftskonflikte etwa, oder Seelenkämpfe, die um Dinge gehen, die uns heute fremd geworden sind. Der Einschnitt, hervorgerufen durch das Entsetzen des Krieges und der Niederlage, trennt offenbar scharf und bestimmt unser heutiges Empfinden von der Gemächlichkeit früherer Tage. Um so schöner und überraschender war es zu sehen, daß Romain Rollands balladeskes Spiel von Tod und Liebe von dem Wandel der Zeiten unberührt geblieben ist, wie das gespannte Aufmerken des Publikums während der zweistündigen pausenlosen Aufführung ebenso bewies wie der starke Beifall am Schluß.

Woher mag dies kommen? Aus dem Milieu, dessen Zeitnähe auf der Hand liegt? Zum Teil gewiß. Die Schreckenstage der Französischen Revolution, der Freund als Denunziant, das Verbergen eines Geächteten, Haussuchung und Flucht mit falschen Pässen, das ausweglose Warten auf die Häscher, all das klingt, als wenn es auf jüngst vergangene Tage gemeint und geschrieben sei. Es ergeben sich – man möchte nach unseren Erfahrungen sagen: von selbst – aus der Zeit und den Umständen Gewissenskonflikte und Versuchungen, die auch uns nicht erspart geblieben sind. Der gelehrte Mathematiker de Courvoisier – ein Namenswandel, der dem Dichter gestattet, Gestalt und Schicksal des großen Chemikers Lavoisier frei zu behandeln – hat als Mitglied des Konvents nicht den Mut gezeigt, gegen die Verurteilung Dantons zu stimmen, weil er damit sein eigenes Todesurteil unterzeichnet hätte. Aus dem Ekel vor sich selber findet er zurück zu dem verlorenen Mut zur Wahrheit, als Vallée, ein geächtetes Mitglied der Gironde, den die Gattin Sophie de Courvoisier im Hause verbergen will, ihm Feigheit und Wankelmut vorwirft. Diesen Mut zur Wahrheit behält er auch, als Carnot – die einzige historisch echte Figur des Stückes – ihn zu überzeugen sucht, daß Ungerechtigkeiten nicht gewogen werden dürften, wenn es sich um das Schicksal der Revolution handele, und daß man die Gegenwart opfern müsse, um die Zukunft zu retten. Aus diesem Wahrheitsfanatismus geht er schließlich in den Tod.

Doch ist diese Überwindung der Todesfurcht nur ein Teil des Themas, denn, wie der Titel sagt, handelt das Spiel vom Tod und von der Liebe. Sophie liebt leidenschaftlich den geächteten Vallée, der um ihretwillen nach Paris zurückgekehrt ist. Für ihren Mann empfindet sie Achtung und Freundschaft, es bindet sie an ihn zunächst nicht mehr als das Gefühl der Pflicht. Vallée will mit ihr fliehen, Courvoisier sich für sie opfern, sie wählt mit klarem Bewußtsein den Tod an der Seite des Gatten, dessen Charaktergröße sie bezwingt. Dieser Seelenkampf, von Shaw in ähnlicher Problemstellung, aber entgegengesetzter Motivierung in "Candida" behandelt, ist das eigentliche zentrale Thema des Stückes, das alle andern angerührten Probleme beiseitedrängt. "Wozu ward uns das Leben gegeben", fragt Sophie am Ende, als die Häscher kommen. "Um es zu überwinden", lautet die Antwort ihres Gatten, die zugleich die Antwort des Dichters ist.

So ist denn das zeitnahe Kolorit doch nur eine Beigabe, und die Frage, woher es kommt, daß dieses Stück die Hörer heute so sichtbar packt, ist damit nicht beantwortet. Wir müssen sogar bemerken, daß die dichterische Gestaltung des Stoffes eher zeitfern genannt werden könnte: die Leidenschaften sind zu einem edlen Feuer geläutert, und selbst Feiglinge und Verräter nicht in Verachtung getaucht. So bleibt, wenn wir fragen, welches die Ursache für die starke Wirkung auf das Publikum ist, nur eine Antwort möglich: es ist der Adel der Gesinnung, durch den diese echte Dichtung die Herzen der Hörer rührt und ihr gespanntes Aufmerken erzwingt. Ein erstaunlicher und wahrhaft schöner Erfolg, der wie eine Huldigung anmutet an den edlen Geist Romain Rollands.

Die Aufführung in der "Komödie" war von Eifer und ernster Arbeit der Mitwirkenden getragen. Wolfgang Schnell führte Regie mit wohltuender Beschränkung der Ausdrucksmittel und schöner Selbstverständlichkeit der Gruppierungen. Es wäre erfreulich, wenn man diesem begabten Regisseur auf den Hamburger Bühnen häufiger begegnen könnte. Die Hauptpersonen des Stücks wurden gespielt von Hannes Brackebusch, Heia Gerber, Hans Kaemmler und Theo Tecklenburg, denen auch in erster Linie der starke Beifall galt, mit dem das Publikum für die Aufführung dankte. Martin Rabe