Sehr geehrter Herr!

Nehmen Sie zunächst den Ausdruck meiner Freude über das Erscheinen Ihrer Wochenzeitung und meiner Anerkennung für die Ausgestaltung ihrer ersten Nummer entgegen. Ich wünsche einer Zeitung von so hohem Niveau ein langes Bestehen und nehme ihr Erscheinen als ein Symbol für das langsame Wiederaufblühen des geistigen Lebens in unserem armen, geplagten Vaterland.

Nun hat mich der Artikel von Herrn Prof. Dr. Snell dazu angeregt, meine von den seinen abweichenden Ansichten über das Problem des Humanismus von heute niederzulegen.

„Wenn Humanismus der .Humanitas’ wert sein will, von der er kommt, muß er etwas von dem verkörpern, was jedem Menschen als solchem eigen ist, etwas von Menschenwürde in ihm. Das will sagen, er muß etwas von der allgemeinen Würde verkörpern, die Menschen als solche und kraft ihrer Zugehörigkeit zur Menschheit besitzen. Die Würde des Menschen, auf die sich eine Menschheitsphilosophie, eine dem Menschen gewidmete Schule aufbaut, kann nicht eine seltene und gesuchte Eigenschaft sein, die man durch den Besuch der Schule erlangen, die man nur mit Hilfe der Philosophie verdienen kann.“ Diese Worte, die von dem bekannten amerikanischen Essayisten und Dichter und dem jetzigen Unterstaatssekretär im Ministerium des Äußern, Archibald MacLeish, stammen, lassen den deutschen Leser unwillkürlich aufhorchen. Eine Definition des Humanismus, die offenbar nicht nur auf einen Bezug auf die Antike verzichtet (denn ohne Schule und Philosophie kann ja eine Kenntnis der Antike nicht vermittelt werden), sondern darüber hinaus diesen Begriff bewußt von dem Wissen um die Werte der Antike löst, muß selbst einen „Nichthumanisten“, also etwa einen aus der auf Realwissen aufgebauten Schule Deutschlands Hervorgegangenen zunächst verblüffen. Vielleicht wird er, wenn ihm im Laufe seiner nachschulischen Entwicklung sein Wissen um „Humanistisches“ über den realeren Dingen des täglichen Lebens, über Technik, Kino und Radio, verblaßt ist, zum Konversationslexikon greifen, um dort festzustellen, daß das Wort „Humanismus“ mit „Bildung zur Menschlichkeit“ verdeutscht wird, wobei unter „Bildung“ das Eindringen in das als Musterbild menschlicher Vollkommenheit angesehene Leben und Schaffen der Griechen und Römer verstanden wird. Mit einem Melanchton, einem Reuchlin, einem Erasmus von Rotterdam (von den Italienern ganz zu schweigen) fehlt ihm offenbar auch die Verbindung, der unmittelbare Kontakt mit der Welt der Antike, die uns Deutsche den Begriff der Bildung ohne den humanistischen Hintergrund und ohne das hohe Ziel antiker Vollendung undenkbar erscheinen läßt.

Aber die Welt unserer Werte ist zusammengebrochen, und wenn wir noch etwas aus ihren Trümmern retten wollen, so können uns unter Umständen amerikanischer Realismus und die oft von hohem ethischem Bewußtsein getragene pragmatische Einstellung der Menschen der Neuen Welt eine gute Hilfe sein. – Auch uns bedarf der Begriff der humanistischen Bildung heute einer gründlichen Revision, um ihm für unsere Zeit und unsere Welt eine neue Bedeutung zu geben. MacLeish wendet sich zu diesem Zweck an die Philosophie in der berechtigten Annahme, „daß eine Philosophie der Erziehung des Menschen und seines Lebens, die der Menschheit im kritischsten Zeitpunkt ihrer Geschichte nichts über ihr Leben und ihre Erziehung zu sagen hat, keine Philosophie des Menschen ist, sondern Dilettantismus mit einem anspruchsvollen Namen“.

Auffallend an dieser Feststellung ist für den Durchschnittsdeutschen. daß ein Amerikaner, Hessen Leben – an den deutschen Erfahrungen gemessen – in den letzten Jahren doch kaum eine große Wandlung durchgemacht haben kann, von der kritischsten Periode in der Geschichte der modernen Menschheit spricht. Tatsächlich läßt die Charakterisierung unserer Zeit durch MacLeish an Deutlichkeit alles hinter sich, was man heutzutage in Deutschland lesen kann. Von einer chaotischen und wilden Welt spricht er, in der alle Grenzmarken abhandengekommen und alle Sicherheiten hinweggespült worden sind, und wir nicht sicher sein können, daß das Gebäude der Kultur wenigstens für eine Generation stehen wird. Und in ebenso klarer, selbstsicherer Weise geht er an die Untersuchung des Wertes des Humanismus für eben diese Zeit, „Humanismus als geistige Zucht um der Zucht willen oder als geistige Schule zur Befreiung von Vorurteil und Einbildung oder als aristokratische Ausbildung des Geschmacks oder als Kult der klassischen Vergangenheit oder als Würdigung der schönen Wissenschaften und Künste ist ein ausgezeichnetes Spezifikum gegen Krankheiten wie Bigotterie, Puritanismus, Jesuitismus, Vulgarität, Viktorianismus und die Selbstzufriedenheit des Bourgeois. Aber ein solcher Humanismus hat einer Zeit, deren, geistige Erkrankung nicht ein Übermaß an Glauben, sondern ein Mangel an Glauben ist, kaum etwas zu sagen. Und wenn wir die Krankheit verstehen, an der wir leiden, so müssen wir zugeben, daß unsere Zeit solch eine Zeit ist.“ – Nachdem er dann in unserer Zeit allenthalben Anzeichen und Symptome einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Glauben festgestellt hat, interpretiert er sie als ein Ausdruck dafür, daß wir „das Gefühl für die Stelle des Menschen im Universum verloren haben“. Hier setzt nach seiner Ansicht die Aufgabe des Humanismus von heute ein, und er kommt zu der Definition, daß „Humanismus der Glaube des Menschen an seine eigene Würde ist, an seinen wesentlichen Wert als Mensch, an die ihm eigene Vollkommenheit, ein Glaube nicht an die Möglichkeit des Menschen, sondern an seine Wirklichkeit, ein Glaube nicht an die klassische Vollkommenheit der schönen Literatur, die Menschen in der fernen Vergangenheit geschrieben haben, sondern an die menschliche Vollkommenheit der Männer, die diese Literatur verfaßten, und anderer, die ihnen gleichen...“. Nicht nur aus Mitgefühl (wie bei den Christen) oder aus Solidarität (wie bei den Demokraten), sondern aus Stolz, wie auch bei den Griechen, sollen wir an den Menschen glauben.

MacLeish glaubt in erster Linie durch den Einfluß der Erziehung, aber auch durch Änderungen der Gesellschaft im Sinne seines Humanismus zu einer Überwindung unserer augenblicklichen Weltkrise kommen zu können. Aber wie will MacLeish den Stolz, aus dem heraus sein Glaube an den Menschen geboren ist, mit dem „Mitgefühl des Christen“, das seiner Meinung nach zu demselben Glauben führt, mit seiner Demut und seinem Sünderglauben in Einklang bringen? Man kann nicht stolz auf seine Menschenwürde, auf die uns eigene Vollkommenheit sein und gleichzeitig an unsere sündhafte Natur glauben. Hier zeigt sich die Schwäche des Pragmatikers, des Praktikers und Realisten. Hier fühlt man förmlich das Erschrecken vor der eigenen Konsequenz. Aber noch eine Frage von äußerster Wichtigkeit läßt der realistische Humanist MacLeish unbeantwortet. Er spricht zwar von Änderungen, die in der Gesellschaft nötig sind, wie sich aber ein Stolz auf die eigene Menschenwürde entwickeln soll, wenn sich das ganze Leben eines Menschen zum Beispiel darauf beschränkt. Schrauben nachzuziehen oder einen Hebel zu bedienen, diese wichtigste aller Fragen beantwortet er nicht Prof. Dr. P. R. Skawran