Es ist stets Eigenart der Menschen gewesen, verlorenen Dingen den Glorienschein der Vollkommenheit anzudichten. So dürfte sich auch um die einmalige Episode der ersten Menschen im Garten Eden sehr bald ein Legendenkranz geschlungen haben, der bis auf unsere Tage in den epischen Klagen vom verlorenen Paradies mit bunten Blüten der Phantasie ausstaffiert wurde.

Wir glauben, daß sich zwischen der Erschaffung des ersten Menschen und seiner Vertreibung aus dem Paradies eine Reihe ganz einfacher Vorgänge abgespielt hat. Sicherlich hat Adam, als er unvermutet im Zoo zur Welt kam, eine ganze Weile die Tiere bewundert. So einfach ist es ja nicht, gleich das erstemal zwischen Elefanten und Krokodilen aufzuwachen. Aber so, wie zu unserm Erstaunen die täglichen Besucher des Zoos aus seiner näheren Umgebung achtlos mit Spielzeug am Affenkäfig vorbeitobten, so wird auch Adam allmählich sogar die Flamingos langweilig gefunden haben. Und eines Morgens vor seinem täglichen Rundgang pfiff er. Da sprang etwas auf ihn zu und an ihm hoch, es gab ein turbulentes Durcheinander, dann war das erste epochale Ereignis vollzogen: der Haushund war erfunden, und Herr und Hund trabten einträchtig durch den Garten. Ach, ich sehe ihn vor mir, diesen paradiesischen Hund, braun und weiß gefleckt, mit seidenweichem Fell und wundervollen, langen Schlappohren. Ich sehe sie am Tor sitzen, Adam hat seinen Arm um den Hals des Hundes gelegt. Dieser jachtert mit heraushängender Zunge und spürt mit unendlichem Behagen, daß Adam ihn hinter den Seidenohren krault. Beide aber denken zum erstenmal, daß die Welt vielleicht noch wüste, aber nicht mehr so leer ist, und nie wieder leer werden kann, solange es Herr und Hund gibt.

Dann entsteht Eva auf etwas synthetische Weise und mit ihr die hausfrauliche Weltanschauung. Sie hält sich nicht lange bei den Flamingos und den Klapperschlangen auf, sondern ihr Blick fällt aufmerksam auf die Kuh. Es dauert nicht mehr lange, da gibt es jeden Morgen frische Milch. Was übrigbleibt, gerinnt bei der sommerlichen Wärme. Aber während nun Eva das Gerinnsel achtlos fortgießt, tunkt Adam seinen Finger hinein, schmeckt ab, pfeift seinem Hund und geht nachdenklich fort. Dann stellt er sich geheimnisvoll absichtlich etwas Rahm beiseite und tischt der mit Recht die Nase rümpfenden Eva nach einigen Tagen einen wohlgelungenen Handkäse auf. Von da bis zum Gorgonzola ist kein großer Sprung. Adam ist nun durch den Hund bei gutem und schlechtem Wetter zu seinem Abendspaziergang gezwungen, und bei einem dieser Gänge wird er plötzlich rot. Sicherlich, Adam ist nicht erst rot geworden, nachdem er vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte, sondern damals, als er das erste Pferd erblickte. Und zwar errötete er – leider muß es gesagt werden – nicht nur aus unmenschlicher Freude an diesem Geschöpf Gottes, sondern er dachte einen ganz kleinen Augenblick: Donnerwetter, das ist ja noch schöner als Eva! Sonst wäre er kein Mann gewesen. Zum Glück hat Eva es auch nie erfahren. Im Gegenteil, als Adam unerwartet nach Haus geritten kam, leuchtete sie auf, denn sie spürte für Generationen von Schwestern voraus, daß an diesem sozusagen achten Schöpfungstage eine für Frauenherzen ungewöhnliche Bereicherung des Lebens erstanden sei: die Kavallerie

So wird es im Paradiese zugegangen sein. Nicht gerade jeden Tag eine Sensation, aber doch von Woche zu Woche eine kleine Neuigkeit. Eva schaffte sich, bald sehr eifersüchtig auf „das Getue“ mit dem Hund, echt weiblich und dementsprechend ziemlich zwecklos eine Katze an. Denn mit den Mäusen herrschte ja noch ewiger Frieden. Doch auch hier kamen die ersten Zwischenfälle vor. Adam hatte einmal den Hund ganz leise mit „Ks-ks“ auf einen Storch gehetzt, wobei dieser verletzt und von Eva verbunden wurde, aber mit beleidigtem Gesicht auf einem Bein umherstand. Das heißt, eigentlich war es eine Störchin, und daher passierte auch etwas Unvorhergesehenes. Die Störchin legte nämlich, am Sitzen verhindert, aus erhabener Höhe ein Ei, welches auf dem Boden auseinanderplatzte. Adam und Eva sahen erschrocken auf das Unglück, dann schied sich der männliche Geist von dem der Gefährtin. Diese erkannte sofort die Wichtigkeit des Eierkuchens für die Ernährung ihres Geschlechts, das sich mehren sollte wie der Sand am Meer. Adam aber – Mann und Egoist – dachte, während das Storchenei aufklatschte. nur ein Wort: Spiegelei! Und wie Dr. Kekulé auf dem Verdeck eines Londoner Bus plötzlich den „Benzolring“ und seine Bedeutung für die Entwicklung der chemischen Formelbildung erschaut haben soll, so sah Adam visionär hinter dem Spiegelei den „Frühstücksring“, den rosa Speck, das Brötchen, den braunen Kaffee und vielleicht schon den blauen Traum männlicher Erfüllung, den Rauch der Morgenzigarette zur letzten Tasse. Von dieser Vision bis zum Sündenfall war dann der Weg nicht mehr weit.

So und nicht anders muß sich das Leben im Paradiese zugetragen haben. Wir stehen viel zu sehr unter dem Eindruck der rasch überlegenen Schöpfungsgeschichte: Sieben Tage, Schlange. Apfel Erzengel, Schluß! Nein, man muß sich das viel langsamer und idyllischer vorstellen. Es hat noch manchen Zwischenfall in dieser neuen Welt gegeben. bis das Böse sein Haupt erhob. Aber das ist – wie Kipling sagt – eine andere Geschichte.

Ascan Klee Gobert