„Die Versorgung der deutschen Verbraucher mit Konsumgütern liegt bisher völlig im argen. Die Ankurbelung der Verbrauchsgüterindustrie ist in den Anfängen mißglückt. Vordringlich ist die Versorgung der Landwirtschaft, weil die Lebensmittelerzeugung abfallen wird, wenn die Bauern für die Erlöse aus dem Absatz ihrer Produkte nichts Nützliches kaufen können. Die deutsche Initiative auf dem Gebiet der industriellen Erzeugung ist eingeschlafen.“

So lautete, pessimistisch genug, das Urteil der „Times“ zur Zeit des Jahreswechsels über die wirtschaftliche Lage im Vier-Zonen-Deutschland. Seitdem haben sich, wie wir wissen, die allgemeinen Voraussetzungen vielfach zum Besseren gewandelt, weil der deutschen Initiative mehr Freiheit zuteil geworden und mannigfache Ermutigung gegeben worden ist. Aber auch negative Momente sind hervorgetreten. Innerhalb weniger Wochen ist der aufstrebenden Initiative dreimal besonders schwer getroffen worden: durch die Kürzung der Lebensmittelrationen, durch die neuen Steuersätze, durch die Ankündigung der Industrierestriktionen, die, wenn sie auch erst später in Geltung treten sollen, doch heute schon den Abbau einleiten und lähmend wirken.

Wir sind aber noch nicht am Ende angekommen. Weitere Belastungen stehen der Wirtschaft bevor. Die Subventionen, aus denen bisher (im Betrag von etwa 185 Mill. Mark) die Lebensmittel verbilligt worden sind, werden wegfallen müssen. Es droht also eine Verteuerung der Lebenshaltung, um etwa den gleichen Betrag. Auch die Kohle wird teurer werden müssen. Die Förderleistung je Mann und Schicht, die früher (1932) bei 1,75 Tonnen lag, ist auf unter 1 Tonne gesunken, und sie sinkt, als Folge der ungenügenden Lebensmittelrationen, noch immer weiter ab. Auch der Eisenpreis wird auf die Dauer nicht ständig unter den Selbstkosten zu halten sein.

Außerdem ist noch ein tiefer Eingriff in die Substanz der Betriebe und der Privatvermögen zu erwarten. Die erhöhten Vermögenssteuersätze allein genügen nicht, um den erforderlichen Besitzausgleich zustande zu bringen. Daß eine solche Maßnahme kommen muß, dafür gibt es zwei verschiedene Gründe. Einmal ist der Ausgleich als soziale Maßnahme nötig. Dr. Schumacher (Hannover) hat kürzlich, in grober Schätzung, die Zahl der „Habenichtse“ in Deutschland auf 40 Prozent beziffert; 35 Prozent der Gesamtbevölkerung mögen ihren alten Besitzstand behalten haben, und die restlichen 25 Prozent haben ihn zum Teil eingebüßt. Da bei den jetzt geltenden Steuersätzen jede Hoffnung begraben ist, durch erspartes Einkommen zu einem gewissen „Kapital“ zu kommen – zu einem eigenen kleinen Betrieb etwa, zu einem Zinshaus, zu einem Eigenheim –, ist für Hunderttausende von Bombengeschädigten und Flüchtlingen die Frage, welche Entschädigungen erhältlich sind, wieder unmittelbar drängend geworden. Während sie bisher hoffen konnten, durch eigenes Mühen wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, hängt ihre wirtschaftliche Zukunft nunmehr ganz allein davon ab, was ihnen der Staat bewilligt.

Der zweite Grund dafür, daß ein Vermögenseingriff kommen muß, liegt in der Notwendigkeit, zu einer Währungssanierung zu kommen. Dazu ist nötig, daß die unerhörten Summen, die das Reich seinen Bürgern schuldet, auf ein Maß zurückgeschnitten werden, das finanzwirtschaftlich erträglich ist. Ein Staatsbankerott ist, darüber sind sich alle Einsichtigen klar, das Unerwünschteste, was man sich denken kann. Die Entscheidung gegen den Vorschlag, die alten Verpflichtungen des Staates zu annullieren, ist ja auch bereits von alliierter Seite gefallen. Deshalb erscheint es auch nicht mehr erforderlich, all die Argumente aufzuzählen, die gegen eine solche Scheinlösung sprechen.

Es gibt nun aber Leute, die meinen, daß die alten Staatsschulden, zu denen ja auch die Verpflichtungen aus Kriegs- und Nachkriegsschäden aller Art gehören, im vollen Umfang erhalten bleiben könnten. Die Güterproduktion, so hoffen sie, würde allmählich wieder in das weit geschnittene Gewand der öffentlichen Verpflichtungen hineinwachsen, und die sog. Abschöpfung der Kaufkraft durch ein massives Steuerprogramm werde dazu verhelfen, daß ein neues Gleichgewicht zwischen „Geldseite“ und „Warenseite“ der Wirtschaft entstehen könne.

Diese Auffassung ist irrig. Einem Notenumlauf in Höhe des Sechsfachen der Vorkriegszahlen und einem Bestand an Bank- und Sparguthaben in vierfacher Höhe, der sich mindestens zu zwei Dritteln, vielleicht sogar zu 80 Prozent, auf Reichsschatzwechsel als bankmäßigen Aktiven begründet, steht an neu produzierten industriellen Verbrauchsgütern fast nichts gegenüber. Die alten Vorräte aber werden als „Sachwerte“ gehortet; sie kommen so lange nicht in die Zirkulation, als nicht die Sicherheit gegeben ist, daß der Erlös den Wiederbeschaffungskosten entspricht. Oder, anders gesagt, sie gehen vorwiegend in den Tausch-, Schwarz- und Schleichhandel, und zwar erst dann, wenn ihre Besitzer gezwungen sind, sich, zur Aufrechterhaltung ihres Lebens- und speziell ihres Ernährungsstandards, liquide zu machen.