Ist das derselbe Mensch, das gleiche Gesicht? Das Gesicht hat sich verändert unter dem Einfluß nicht nur der Jahre – es mögen etwa zwanzig sein, die zwischen beiden Aufnahmen liegen –, sondern auch durch die umformende Kraft äußerer und innerer Erlebnisse, zuletzt durch Krieg und Gefangenschaft. Das eine erscheint kräftig und lebenszugewandt, das andere das eines indischen Fakirs zu sein. Der Mensch ist aber dennoch derselbe geblieben: ein Künstler, aufrecht und in sich selber ruhend, mit Augen, die zugleich nach außen und nach innen zu schauen vermögen, gütig, ungebrochen auch durch das Grauen, durch das er hindurchgegangen ist. Freilich ist auf dem zweiten Bildnis dies Grauen dem Gesicht unheimlich deutlich eingeschrieben, und es sei hinzugefügt: es ist in der Folgezeit bis zu einem gewissen Grade wieder daraus entwichen. Es kann nämlich nur genau soviel darin zurückbleiben, wie in den Menschen als innerlich verarbeiteter Besitz eingegangen ist, und das kann schon deswegen nicht alles sein, weil – gottlob, möchte man sagen – bei uns allen das Erleben der letzten Kriegszeit über unsere Kraft gegangen ist. Anderseits ist nicht zu verkennen – und vor allem deswegen zeigen wir diese Bilder –, daß die Aufnahmefähigkeit des schöpferischen Menschen, das, was wir gemeinhin seine Sensibilität nennen, weitaus größer ist als bei uns andern. Sein Schauen ist von solcher Art, daß es uns die Augen öffnet, und sein Leiden ist ein stellvertretendes, denn, was er davon künstlerische Gestalt werden läßt, das zeugt für uns alle im bleibenden Werk. Wenn uns das Leidensgesicht des Künstlers ehrfürchtig stimmt, so sollen wir dessen auch vor seinen Werken eingedenk bleiben, nicht zuletzt dann, wenn sie leibüberwindende Kraft, die Gelassenheit hoher Lebensreife auszustrahlen verstehen.

Der Dargestellte ist Alfred Mahlau, der bekannte Maler und Gebrauchsgraphiker – früher in seiner Wahlheimat Lübeck, dann einige Jahre in seiner Geburtsstadt Berlin der seit kurzem als Lehrer an der Landeskunstschule in Hamburg tätig ist.