La Nausee ist der Titel eines philosophischen. Romans von Jean Paul Sartre, der im Jahre 1938 erschien. Der Roman läßt sich stilistisch am besten mit einer der Schriften Kierkegaards, etwa dem „Begriff der Angst“, vergleichen. Schrittweise wird enthüllt, was unter der „Nausee“ zu verstehen ist. Diese Enthüllung gipfelt in dem Monolog des Erzählers, der von einem zufälligen Erlebnis, nämlich der Betrachtung einer Wurzel, ausgehend, zu einer fundamentalen Seinsoffenbarung gesteigert ist. Der Monolog hat mittlerweile europäischen Ruhm erlangt. Er macht’ deutlich, daß wir nicht von unserem Ich aus die Dinge betrachten dürfen, sondern daß die Dinge gleichsam von sich aus einen Blick auf den Menschen werfen und, sobald es dem Betrachter gelingt, sich selbst zu vergessen, unerhörte Offenbarungen über das Sein mitzuteilen wissen.

Die Realität kennt keine Logik. Daher muß das Wort aus sich selbst sprechen, wir dürfen nicht unser Verstehenwollen an das Wort herantragen, bevor es aus sich selbst mit der ihm innewohnenden Magie wirken kann. Je bedrängender das Seins-Erlebnis in dem Monolog wird, desto mehr nähert es sich dem Umschlag ins Negative, dem „Nichts“, der schlechthinnigen Verneinung des Seins im Ganzen. Das philosophische Hauptwerk von Sartre heißt darum nicht zufällig „Das Sein, und das Nichts“ (L’être et le neant). (Wir verweisen auf die Ausführungen in der Ausgabe der „Zeit“ vom 14. März 1946 über „das existentielle Philosophieren in Frankreich“.)

Egon Vietta

6 Uhr abends.

Ich kann nicht sagen, daß ich mich leichter oder zufrieden fühle, im Gegenteil, es überwältigt mich. Ich weiß, was ich wissen wollte: ich verstehe nun, was mir nach dem Monat Januar widerfahren ist. Das Gefühl der Leere (la nausée) hat mich nicht verlassen, und ich glaube, es wird mich nicht so bald verlassen. Aber ich leide nicht mehr darunter, es ist nicht mehr krankhaft oder eine Schrulle, die wieder geht: es ist eins geworden mit mir.

Also ich war eben im Öffentlichen Garten. Die Wurzel des Kastanienbaumes drang tief in die Erde, gerade unter meiner Bank. Ich erinnerte mich nicht mehr, daß es eine Wurzel war. Die Worte werden Schall und Rauch und zugleich damit die Dinge, die sie bezeichnen, die Art, wie man sie benutzt, die nichtssagenden Merkmale, die ihnen die Menschen, oberflächlich genug, gegeben haben. Ich saß ein wenig gekrümmt, den Kopf gesenkt, vor mir allein die schwarze Knollenmasse, durch und durch furchterregend roh. Und dann hatte ich eine Erleuchtung.

Das hat mir den Atem benommen. Niemals, vor diesen letzten Tagen, hatte ich eine Ahnung, was das heißen will: „Existieren.“ Ich war wie die andern, die da am Meeresstrand in ihrem Frühlingkleid promenieren. Ich sprach wie sie: „Das Meer ist grau, dieses weiße Pünktchen da oben ist eine Möwe.“ Aber ich hatte kein Gefühl dafür, daß das existierte, daß die Möwe eine wirkliche Möwe war. Die Existenz bleibt gewöhnlich verborgen. Sie ist da, um uns, in uns, sie ist gleichbedeutend mit uns, man kann keine zwei Worte reden, ohne von ihr zu sprechen, und am Ende verfehlt man sie doch. Sobald ich sie vor Augen hatte, dachte ich offenbar an – nichts, mein Kopf war leer – oder ich hatte einzig ein Wort im Kopf: SEIN. Oder ich dachte dann. .. wie das begreiflich machen? Ich dachte „An–wesen“, ich sagte mir, daß das Meer zur Kategorie der grünen Dinge gehört, oder daß „grün“ eine Eigenschaft des Meeres ist. Selbst wenn ich die Dinge betrachtete, war ich meilenweit davon entfernt, von ihrer wirklichen Existenz zu träumen. Sie waren für mich eine Augenweide. Ich faßte sie mit der Hand, und sie waren Werkzeug, ich fühlte ihren Widerstand voraus: aber das alles war nur Oberfläche. Wenn man mich gefragt hätte, was das nun sei: Existenz, ich hätte in gutem Glauben geantwortet, das sei gar nichts, just eine Leerform, die den Dingen von außen angepaßt wird, ohne ihr Wesen zu verändern. Und dann: mit einem Schlage war es da, sonnenklar: die Existenz war jäh enthüllt. Sie hatte ihre abstrakte Unbeteiligtheit verloren. Sie war das Kernstück der Dinge. Diese Wurzel war wie gemauert in Sein. Oder vielmehr die Wurzel, das Gitter des Gartens, die Bank, die spärlichen Soden des Rasens, all das war verschwunden: die Verschiedenheit der Dinge, ihre Individualität waren nur Erscheinung, Firnis. Dieser Firnis war weggewischt. Was blieb, war abscheuliche Form, weich, in völliger Auflösung, erschreckend nackt, ja obszön in seiner Nacktheit.