Von Ilse Molzahn

„Wo ist so ein herrlich Volk“ (Mose 4, 7)

Berlin, Sonntag nachmittag. Wir kommen aus den „Vereinigten Staaten“, sprich jenem Bezirk der Stadt, wo die amerikanische Besatzungs- und Verwaltungstruppe ihren Sektor mit Leben erfüllt. Jeeps flitzen durch die Straßen, lautlose Luxuswagen gleiten dahin, Uniformierte pendeln mit „Frolleins“ am Arm die Bürgersteige entlang. Verhutzelte Männer stieren zu Boden und sammeln weggeworfene Zigarettenreste. Das Gefangenenlager Ist aufgelöst. Stacheldraht rollt sich igelgleich zwischen den niedergebrochenen Pfählen, und friedlicher blauer Rauch steigt aus den Baracken, darin die Prisoners of war, die keine Bleibe haben, weiter wohnen dürfen.

Auf den U-Bahn-Stationen glänzen die Stiefel der Armee, drehen die abgerissenen, stumpfen und oftmals geflickten Schuhe der Zivilisten ihre schiefgetretenen Absätze nach innen. Tuche und Holzfaserprodukte heben sich deutlich voneinander ab. Dazwischen Frauen und Mädchen in neuen, meist weißen Pelzen, die Seidentücher zu Blumenturbanen gedreht, die Lippen gemalt, blanke Augen unter Stachelwimpern, und daneben die strengen Uniformen der Übersee-Weiblichkeit, die Käppis schief über den gerollten Engelslocken, meist Hunde oder Hündchen mit sich führend, adoptiert von einem Volk, das für die vierbeinigen Lieblinge nicht mehr die Rationen aufbrachte.

Mit dieser Last rollt die Bahn stadtwärts. Volk steigt aus und ein, Gesellschaftsschichten wechseln, Rucksäcke tauchen hin und wieder auf, und Frauenbeine stecken in Hosen, die auf Zuwachs berechnet zu sein scheinen. Ab und an fällt in das Untertaglicht der elektrischen Lampen das Übertaglicht durch zerbrochene Bahnhofsdecken. Grauer Himmel lastet über Trümmern und Ruinen, in denen das schweigen, die Kälte, der Verfall wohnen.

Immer dichter wird der Menschenstrom. Das Umsteigen vollzieht sich ohne Reibung. Es ist Sonntag, keine Hast, mein Lieber! Die Bahn steigt aus der Tiefe hinauf in den verhangenen Tag. Gleisdreieck. Bruch, Trümmer, ein Wüstenfeld. Schienen, Gleise, abgestellte Wagenreihen, intakt oder versehrt. Nebel über Brücken, die einer Berg-und-Tal-Bahn ähnlich sehen, und in der Ferne die zersprungenen und geborstenen Hallen der Fernbahnhöfe. Stadtmitte. Wie ein Sog ist das. Von allen Richtungen strömt es herbei und wird in der Tiefe zu einer brodelnden Masse zusammengequirlt. Das Volk wird immer gesichtsloser, man kann auch sagen, es hat tausend Gesichter. Tausend Paar Beine laufen tausend verschiedenen Zielen nach. Blickpunkte sind die Soldaten der Besatzungsarmeen. Die verschlossenen Gesichter der Engländer, die lebhaft aufmerksamen der Franzosen, die breiten und festen Köpfe der Russen, ihr an Weite und Steppe erinnernder „Kommste-heute-nicht,kommst-du-morgen“-Gang, die „Amis“, bereits geschildert, und zwischen den Zivilisten eine neue Schicht verschlagener Gesellen, mit von Nikotin verfärbten Fingern, unbestimmbarer Nation, unbestimmbaren Alters und oft auch unbestimmbaren Geschlechts, aber in Mänteln, deren große, jefräßige Taschen auf mancherlei Inhalt deuten.

Alexanderplatz. Der Wind fährt uns rauh entgegen, Feuchtigkeit klebt an den Wänden. An irgendeiner Stelle tauchen wir zum Taglicht empor, aber die Stätte, auf der wir stehen, erkennen wir nicht mehr. Die unkenntlichen und doch wie ein phantastisches Riesenfiligran anmutenden Skelette der Hochhäuser, eine Kirche ohne Turm. Lawinenschutt eines großen Hauses. Ja, das war doch einmal? Nein, es kann nicht sein! Und dort jener Felsblock. Welch urzeitlicher Eisstrom schleppte ihn bis hierher? Fassade mit Erinnerungsmerkmalen hinter dem Block, über dem sich nunmehr eine Gestalt erhebt. Dem inneren Gesicht ist sie bekannt, die Berolina ist es, die mächtige, kraft- und gesundheitstrotzende Königin der Stadt. Wo schläft sie? Lebt sie noch?