Die vergängliche Hülle des Kardinals Graf Galen ist in der Gruft des zerstörten Domes zur ewigen Ruhe gebettet. Das Andenken des Mannes, den seine Gemeinde „Ritter Gottes“ nannte, ist geblieben. Die Münsteraner lieben die bildhaften Ausdrücke. Sie nannten ihn auch den „Löwen von Münster“. Und es vergeht kein Tag, an dem sie nicht das Andenken an ihn vertiefen, der in der Zeit der Götzen ein Streiter Gottes und in der Zeit der alltäglichen Propaganda ein Vorbild des Alltags war. Hatte er nicht beim Brand des erzbischöflichen Palais selbst die Hände gerührt, um zu retten, was zu retten war; hemdärmelig und mit kräftigem Zugriff? Er besaß Körperkräfte, dieser Gottesmann, so daß das Wort aufkam: „Stark wie der Bischof von Münster.“ Einst hatte er von sich selbst gesagt, es sei sehr fraglich, ob er zu den klugen Leuten gehöre, zu den schlauen bestimmt nicht. Lieber wandte er ein simples, ganz unpathetisches Soldatenwort auf sich selbst an, das Wörtlein „stur“. Der Kardinal war hart im Durchhalten. Als er nach Rom fuhr, den Kardinalshut entgegenzunehmen, hatte er da nicht den ersten Teil der Reise in einem Güterwagen zurückgelegt, so daß es ihm nicht besser ergangen war als den meisten Deutschen, wenn sie heute reisen? Er war zeitlebens gleichmütig den Krankheiten gegenüber gewesen, gleichmütig wie ein westfälischer Bauersmann. „Wenn er achtgegeben hätte ...“, sagen sie heute in Münster, „wenn er rechtzeitig den Arzt gerufen hätte...“ Aber das ist es ja: der Kardinal, der die Gestapo nie fürchtete, war gleichmütig auch gegenüber dem Tode. Es war jene Gleichmut des Christen, den das „Ave Maria“ täglich lehrt, die Gegenwart mit dem Unvergänglichen zu verbinden. „Nunc et in hora mortis.“ („Jetzt und in der Todesstunde.“)

Nun aber, an jenem letzten Mittwoch und Donnerstag des März, da sie ihn zur Gruft geleiteten, den Kardinal, dem keine Würde höher galt als die schlichte Würde des Priesters und Volksmannes, den wortkargen Prediger, der den sachlichen Ausdruck liebte und der nur selten zur bildhaften, volkstümlichen Glut eines Abraham a Santa Clara hingerissen wurde, nun also wurden die Bürger der Stadt und des Landes Münster in ein Erlebnis einbezogen, dessen erhabene, feierliche Akzente sich dem durch Worte Ausschöpfbaren entziehen zu wollen schienen. Das uralte Zeremoniell, mit dem die katholische Kirche ihre höchsten Würdenträger bestattet! Glocken und Weihrauch. Uralte lateinische Gesänge. Feierliches Schreiten und Prunk der kirchlichen Farben. Aber rundum die Ruinen der alten Stadt. Schutt und Trümmer, die zum Schauspiel, wie es sich seit Jahrhunderten vollzog, die Galerie bildeten. Abschied vom Vergänglichen ...

Am Mittwoch In der Sankt-Mauritz-Kapelle am Rande der Stadt flutet ein unendlicher Strom von Menschen an der Bahre des Kardinals vorüber. Stunde des Abschieds ohne Gepränge. Als es dunkel wird, sammeln sich drinnen in der Stadt andere Menschenmengen zu Füßen der Heilig-Kreuz-Kirche. Ein häßlicher, neugotischer Bau. Immerhin eine der wenigen unbeschädigten Kirchen. Englische Polizei rattert auf Motorrädern heran. Deutsche Schutzleute, die Absperrketten bilden. Die Stimmung einer Erregung, fast wie zum Beginn einer politischen Versammlung unter freiem Himmel. Aber niemals in der Zeit der Massenversammlungen. niemals in der Zeit, da es Sonderzüge der Reichsbahn gab. sind so viele Menschen in Münster zusammengekommen. Glockenstimmen in der Dunkelheit. Stimmen voller Frieden. Flackernder Kerzenschimmer in der Abendluft. Der Klerus Westfalens, an der Spitze der Weihbischof von Münster, geleitet den Sarg. Vier Pferde ziehen. den schwarz ausgeschlagenen Wagen. Die Glocken verstummen. Stille. So große Stille, daß man das Schnauben der Pferde vernimmt. Der Sarg wird ins Innere der Kirche getragen.

Am Donnerstag. Sonniger Tag. Durch die bunten Fenster fällt das Licht in breiten Bahnen ins Innere des Altarraumes. Ein fast heiteres Bild. Das dunkle Rot der Domherren, das hellere Rot der Bischöfe, das klare Rot der päpstlichen Prälaten. Inmitten der leuchtenden Farben aber der schwarze Sarg, bedeckt von der Mitra, dem Kelch, der bischöflichen Stola und dem Kardinalshut, der nur zweimal in Erscheinung tritt: bei der Verleihung und beim Tod. Aus dem Zusammenklang der Farben sticht das Weiß der Hermelinumhänge hervor, die die Kardinäle tragen: der Erzbischof von Westminster, Kardinal Griffin, der Erzbischof von Köln. Kardinal Frings. Der Bischof von Berlin, Kardinal Graf Preysing, zelebriert das Pontifical-Requem. die feierliche Totenmesse. Sonnenbahnen fluten auf seinem Messegewand und denen der Bischöfe die ihm assistieren. Als die Glöckchen den Höhepunkt der Messe, die Wandlung, einleiten, als der Gesang von der Empore verstummt, kann im Kirchenschiff entgegen allem Zeremoniell niemand niederknien. Das Gedränge ist allzu groß. Noch einmal schweigt der Chorgesang. Der Sarg wird vor die Stufen des Altars getragen und bildet jetzt den Mittelpunkt des Kreises der Bischöfe, die im Wechselgesang die lateinischen Worte von Vergehen und Auferstehen singen. „Absolutiv ad tumbam ...“ Uralte Weihen, uralte Melodien.

Um zwölf Uhr geht der Trauerzug zur Sankt-Ludgerus-Kapelle im Dom. Der Kondukt, übergössen von Sonnenlicht, überweht von Chorgesang, bewegt sich durch enge Trümmergassen, die einst Straßen und Plätze waren. Und dann die Ludgerus-Kapelle mit der Gruft inmitten der Domruine. Sie hat kein Dach, und man mußte einen eigenen Eingang brechen. Letztes Zeremoniell an der geöffneten, mit Tannengrün ausgeschlagenen Gruft. Aus dem Innern des Domes klingen die gregorianischen. Choräle, die kühlen Melodien der Unvergänglich-, keit, die von nichts Irdischem wissen, nichts von Triumph und Klage, und die heraus aus der Trümmerstadt, in der trotz allem „der Ritter: Gottes“ siegte, den Kardinal zur Ewigkeit geleiten.

Jan Molitor