Von Franz Heitgres

„Ich rufe die Jugend der Welt!“ so tönte die Glocke über das olympische Feld 1936. Wer wußte, sich hinter diesen Tönen verbarg! Die olympische Glocke sollte zum friedlichen Wettstreit trafen, aber auf dem Reichssportfeld wollte sie der deutschen Jugend begreiflich machen, daß ihr Volk zu einer Herrenrasse gehöre, und so weckte sie das Herrenmenschentum im Geiste der jungen Streiter, Die überlegenen deutschen Leistungen waren zum Ausdruck des deutschen Militarismus geworden. Das Reichssportfeld bot auch dem ausländischen Besucher und dem zum friedlichen Wettkampf angetretenen Sportler nur geringe Möglichkeit, die Dinge zu schauen, die ringsumher in Deutschland Im Keimen waren. Die deutsche Jugend wurde im Bewußtsein der Überlegenheit der deutschen Kräfte und des deutschen Geistes erzogen. So entstand Überspitzt die Sucht nach dem letzten Rekord, nach der Zurschaustellung des unbesiegbaren Deutschland. Dem Hellhörigen war damals schon bekannt, zu welchem Zweck der große Gedanke Pierre de Coubertins mißbraucht wurde. Jener Franzose hatte die Olympischen Spiele neu organisiert, im echten Sinne von Olympia: im friedlichen Wettstreit über alle Grenzpfähle hinweg um Verständnis zu werben. Die Führung des Deutschen Reiches machte den Sport zu einem Instrument der militärischen Erziehung. Was diesem Glockenton von 1936 folgte, ist allen bekannt. Somit waren die Begriffe Olympias zerstört. Heute gilt es nun, den olympischen Gedanken wieder der Jugend zu erichließen und auch den letzten Sportler von seinem Sinn und seiner Notwendigkeit zu überzeugen. Erinnern wir uns:

In Olympia strömten die Wettkämpfer von Hellas und der befreundeten Städte zusammen, um sich gemeinsam dem Kult und den Spielen zu widmen. Jeder einzelne wußte, daß er als Individuum ein Teil des städtischen Kollektivs war, daß seine Leistung nur im gemeinsamen Streben ihre Erfüllung fand, aber er wußte auch, daß nicht nur der Wettstreit der Körper, sondern auch das Ringen der Geister der Weg zum Großen, Schönen und Starken war. Dieser Einklang des physischen und psychischen Ringens soll und muß das Leitmotiv sportlerischer Ertüchtigung sein.

Der Sport ist ein Teil unseres Kulturlebens. Es mag noch von manchem angezweifelt sein, ob Sport unmittelbar mit dem Begriff Kultur zusammenhängt. Das Benehmen auf dem Sportplatz, die Fairneß der Aktiven und Zuschauer sind ein Ausdruck des Kulturstandes eines Volkes. In der friedlichen Kameradschaft oder in der feindlichen Kampfstellung kennzeichnen sich Geist und Ungeist unseres Sportlers. Möge also seine Gesinnung zu friedlicher Zusammenarbeit erzogen werden. Es ist nicht zu verkennen, daß hier eine entscheidende Aufgabe der neuen Erziehung bei der Presse und dem Rundfunk liegt. Auch staatlich ist eine Zusanmenfassung der drei Erziehungsfaktoren Schule, Sport und Kulturverwaltung in einem Dezernat zweckmäßig, weil er den jungen Menschen das Zusammenwirken dieser drei pädagogischen Momente verständlich macht.

Was aber auf jeden Fall bei dem Aufbau des neuen Sports abgelehnt werden muß, ist der Berufssport, und auch hierbei obliegt der Presse jene wesentliche Aufgabe, diese Dinge deutlich anzusprechen. Der Berufssport ist eine reine Wirtschaftsangelegenheit und müßte in der Presse im Wirtschaftsteil, nicht aber unter der Rubrik Sport veröffentlicht werden. Es ist vor allem der Sportsmann zu fördern, das heißt derjenige, der sich wirklich aktiv betätigt und nicht nur als Zuschauer interessiert ist. Für den Zuschauer, soweit er nicht selbst zu den aktiven Sportlern gehört, ist Sport nur eine Liebhaberei, wie beispielsweise die Briefmarkensammlung. Somit sollte auch die Vereinsarbeit in die Breite wirken, und das Crack- und Starsystem muß beseitigt werden. Wohl soll die Jugend nach der Leistung streben, nicht aber durch bestimmte physische Veranlagungen den Hochmut fördern. Der sportlich Leistungsstarke soll auch in allem ein Vorbild der Jugend sein. Die Allüren bestimmter Spitzenkönner sprechen heute noch deutlich gegen diesen Satz. Es wird also die Frage der weiteren Erziehung sein, die Jugend selbst in Widerspruch zu jenen Außenseitern der Sportbewegung zu bringen. Wenn sich der Sport auch nicht parteipolitisch binden soll, so muß er sich jedoch bewußt für den demokratischen Aufbau einsetzen. Gleichgültigkeit an Dingen des täglichen Lebens gibt es für den Sportler nicht. Auch er steht mittendrin und muß verantwortlich denken lernen. So gebe man ihm die Möglichkeit zur Entwicklung einer freien Persönlichkeit. Erst dann kommen wir wieder zu dem reinen olympischen Sportgedanken und zu dem schlichten, selbstlosen Geist des griechischen Kämpfers.