„Hier bei uns im Kreise“, so schreibt ein Leser der „Zeit“ an die Schriftleitung, „ist eine sehr vernünftige Anordnung getroffen worden. Die Bauern wurden verpflichtet, je Selbstversorger ein Kilogramm Fleisch- und Wurstwaren abzugeben, dazu 400 Gramm Brot, 40 Gramm Fett und wöchentlich eine bestimmte Menge Milch. Die Lebensmittel werden unmittelbar an die Schule geliefert, und zwar zu dem Zweck, jenen Schulkindern, die nicht zu Selbstversorger-Haushalten gehören – in erster Linie also Kindern von Bombengeschädigten, Flüchtlingen und Evakuierten – täglich zwei gut belegte Scheiben Brot und einen Becher Milch zu verabreichen. Einige sorgfältig ausgewählte Frauen machen die Brote für die Kinder fertig und führen die Verteilung durch. So wird, während in den Großstädten durch die „Schwedenspeisungen“ des Roten Kreuzes und durch Abgabe von Päckchen aus alliierten Armee-Beständen den Schulkindern gewisse Ernährungsvergünstigungen zukommen, nun auch auf dem flachen Lande entsprechend für sie gesorgt.“

Unser Gewährsmann, der aus dem Hannoverschen, und zwar aus der Gegend von Winsen a. d. Luhe, berichtet, fügt hinzu, daß derart ein kaum länger erträglicher Spannungszustand zwischen der gut ernährten Landbevölkerung und der bedeutend schlechter ernährten Flüchtlingsbevölkerung beseitigt werde. Er empfiehlt solche „bündigen Eingriffe“ in die „leider noch allzu – deutlich bestehende Ernährungshoheit der Bauern“ auch für andere Landkreise, mit dem Ziel, die allgemeine Notlage etwas zu lindern und den bitterbösen Neid abzubauen, der die jugendlichen Seelen vergiftet.

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Ein anderes Bild, diesmal aus der Umgebung des Ruhrgebiets: Durch ganz Westfalen und bis weit ins Osnabrücker Land hinein geht tagaus, tagein ein ununterbrochener Strom von Hungernden, die aus dem Industrierevier kommen. Dreißig, vierzig, fünfzig Menschen täglich kommen an die Türen selbst der einsam liegenden Höfe, in die verstecktesten Winkel der Dörfer. Die Höfe, die an den großen Straßen liegen, mögen vielleicht die doppelte Zahl von Besuchern aufweisen. Es wird Geld geboten, es wird Ware getauscht, es wird gebettelt: „Um Christi Barmherzigkeit willen, liebe Frau, gebt uns ein Stückchen Brot, ein paar Kartoffeln!“ Wenn der Hinweis auf die christliche Nächstenpflicht und auf die ungenügende Ernährung der schwerarbeitenden Männern im Kohlenpott nicht verfängt, wenn kein Geld zum Kaufen, kein Bekleidungsstück zum Tauschen mehr vorhanden ist, dann werden unverhüllte Drohungen ausgestoßen. Und natürlich geben die Bauersfrauen immer wieder – nicht jedem Bittenden, das können sie ja nicht –, aber fünf von fünfzig Besuchern erhalten doch ein Stück Brot, einen Rest gekochten Essens, ein paar Eier, einen Zipfel Wurst.

Ist das richtig? Kommen so die Lebensmittel in die rechten Hände? Werden nicht auf diese Weise die Schwarzen Märkte immer wieder versorgt, während der Arbeiter, der täglich seine Schicht verfährt, benachteiligt ist? Diese Fragen sind schwer zu beantworten. Sicherlich wird durch gerissene Händler und wortgewandte Bettler ein böser Mißbrauch mit der gutmütigen bäuerlichen Bevölkerung getrieben, die sich, besonders in den katholischen Bezirken, einem Appell an ihr christliches Gewissen kaum je verschließt. Aber anderseits ist hier eben doch eine Art Ventil gegeben, dessen Vorhandensein das Entstehen eines „Überdrucks“ verhindert. Es wird auch solchen Menschen geholfen, die auf regulärem Wege nicht mehr genug Lebensmittel erhalten, um die von ihnen geforderte schwere Arbeit durchstehen zu können. Deshalb ist – ein radikales Eingreifen gegen die „Hamsterreisen“ vielleicht doch nicht zweckmäßig – wenn auch jedes Mittel eingesetzt werden muß, am zu verhindern, daß der Schwarze Markt durch die Erträgnisse solcher Bettelfahrten gespeist wird.

Wie steht es nun mit den von der Kreisbehörde brevi manu angeordneten Schulspeisungen? Die Idee einer solchen Hilfe für die Kinder hat zweifellos etwas Bestechendes. Freilich müssen auch hier die Grenzen gewahrt werden. Wenn jeder Landkreis kurzerhand in die Ernährungshoheit (nicht der Bauern, sondern vielmehr) der Provinz, des Landes oder des Zonengebiets eingreift und die Selbstversorger zu Abgaben zwingt – heute an die Kinder der Flüchtlinge, morgen vielleicht an die Flüchtlinge selbst – dann geht die Ordnung in der Ernährungswirtschaft völlig verloren. Gewisse Dinge lassen sich eben nur zentral regeln, und so angenehm freiwillige örtliche Hilfsaktionen auch empfunden werden mögen: selbständige Handlungen der örtlichen Instanzen, die der Planung des Ganzen zuwiderlaufen und sie schließlich zerstören, sind kein Fortschritt, keine wirkliche Lösung für unsere Versorgungsprobleme. A. K.