Schatzgraben hat von alters her für jung und alt eine große Anziehungskraft. Wenn auch nicht jeder schon einmal mit Hacke und Spaten abenteuerlustig ausgezogen ist wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die beiden amerikanischen Helden, die schließlich sogar einen Schatz fanden, so beweist doch der Erfolg so mancher Romane und Filme, die von einer Schatzsuche handeln, wie anfällig die menschliche Phantasie in diesem Punkte ist. Wir bringen es darum auch nicht übers Herz, unsern Lesern die folgende, bei uns eingegangene Meldung vorzuenthalten:

Miami Beach, 26. März 1946. Der siebente Versuch zur Hebung eines sagenhaften spanischen Goldschatzes im Werte von dreißig Millionen Dollar, der seit über vierhundert Jahren auf dem Meeresgrund zwischen Kuba und der Insel Kay liegen soll, ist kürzlich von dem Forscher Erwin Williamson mit Hilfe einer Radar-Anlage begonnen worden. Die früheren Versuche scheiterten vor allem an dem Aberglauben der Seeleute, die die Rache des mexikanischen Königs Montezuma fürchteten, aus dessen Hausschatz das Gold geraubt worden war.

Da haben wir nun alle Cocktail-Zutaten für ein leichtes Schatzgräberdelirium: Ein märchenhafter Wert, die ehrfurchtgebietenden Jahrhunderte, Atlantikzauber, die magische Zahl sieben, der rachedurstige Geist eines toten Indianers. Eins jedoch ist neu und macht uns stutzig: das Radar-Gerät.

Wir erinnern uns. Das Radar-Gerät war eines jener neuen Hilfsmittel, mit denen der Krieg entschieden wurde; mit seiner Hilfe machten die Bombergeschwader auch bei Nacht und Nebel ihre Bodenziele aus, seine Strahlen ertasteten die deutschen U-Boote in der Meerestiefe und überlieferten sie den tödlichen Wasserbomben.

Herr Williamson wird den Geist Montezumas kaum als ernsthaften Gegner betrachten; auch wird er kaum ein Gefühl dafür haben, daß er durch den Einsatz eines Kriegsgeräts den Schatz zu einem feindlichen Ziel stempelt. Gold als Feind – das Ist uns ein vertrauter Gedanke, und man wäre fast versucht, sich an ihn zu verlieren, vom Nibelungenhort bis zum „deutschen Währungswunder“ Genug, daß wir wissen, was sich im Atlantik abspielt.

Hat man sich aber einmal klargemacht, daß heute Deutschland das Land Nr. 1 der vergrabenen Schätze ist? Nirgendwo in der Welt dürfte die Rute in der Hand des Wünschelrutengängers – Radar wird sich bei so unbedeutenden Objekten wohl kaum lohnen – so oft und kräftig ausschlagen wie auf der deutschen Flur. Es gehört zum Flüchtlingsschicksal, daß das Letzte, Kostbarste im Augenblick des Aufbruchs der Erde, einem hohlen Baum, einem Loch im Mauerwerk anvertraut wurde. Millionen verließen flüchtend ihre Heimat, bepackt mit dem, was sich gerade noch schleppen ließ. Daß das meiste andere eine Beute des Krieges werden würde, ließ sich voraussehen – halb und halb war es schon verwunden. Nur dieses Stück und jener Wert, sollte man nicht versuchen, sie über die Sturmzeit hinwegzuretten, indem man sie verbarg? Dinge zumeist, die man hoffen konnte eines Tages umzuwechseln in das Nötigste für einen neuen Lebensbeginn; also Silber, Gold, Schmuck. Heute kreisen die Gedanken Ungezählter um ein gewisses Plätzchen im Garten, unter dem Keller oder im Kamin – irgendwo weit weg. Wird man wiederfinden, was man einmal besaß? Vielleicht – vielleicht auch nicht. An S:elle von Montezumas Geist hüten in vielen Fellen Trümmergebirge das kostbare Geheimnis. Und sonst? Schatzverstecke werden nicht nur geplündert, sondern auch vergessen. Und vielleicht wird dermaleinst, wie noch Jahrhunderte nach dem Dreißigjährigen Krieg, der Pflug geheimnisvolle Dinge ans Tageslicht befördern: Geld, das längst außer Kurs, Aktien von Unternehmungen, deren Name so verweht wie die Trümmer ihrer Anlage unter Erde und Grün begraben sind, Konservendosen, aus denen bräunlicher Staub rieselt.

Die Tage verrinnen gleichermaßen für die, die haben, und jene, die nur hoffen. Wehe denen, die Zeit und Leben vergeuden, weil sie sich dem Gefühl hingeben: Wenn ich nur erst meinen Schatz wiederhabe, dann fängt mein Leben an! Auch ein goldener Löffel ist heute in erster Linie ein Löffel, und der blecherne in der Hand, wo immer man sich befindet, ist wertvoller als der vergrabene bei Kottbus. Lz.