Die Lösung der Persienfrage im Weltsicherheitsrat stellt einen Sieg des Rechtes dar. Der Schwache weiß heute, daß nicht die Macht allein gebietet, daß er nicht schutzlos dem Stärkeren ausgeliefert ist und sich seinem Spruch beugen muß. Eine mächtige Organisation, die die ganze Welt umfaßt, steht heute hinter dem Recht.

Die getroffene Regelung ist darüber hinaus eine Manifestation des Willens aller Völker, künftig gemeinsam den Aufbau der zerschlagenen Welt durchzuführen. Der Rechtsgedanke allein hätte nicht ausgereicht, eine freundschaftliche Regelung durchzuführen. Es bestand die Gefahr, daß ein Stachel im Herzen desjenigen zurückblieb, der gezwungen gewesen wäre, nachzugeben und auf Ansprüche zu verzichten, die er selbst innerlich für gerecht und begründet ansah. In dem Augenblick, als der russische Vertreter Gromyko sich am Verhandlungstisch erhob und erklärte, er könne keinen Zweifel in seine Worte zulassen, und wenn seine Erklärung, daß zwischen der Sowjetunion und Persien bereits eine freundschaftliche Abmachung getroffen sei, nicht als wahr hingenommen würde, dann könne er nicht länger an den Verhandlungen des Weltsicherheitsrates teilnehmen, da ging durch die Weltpresse ein Raunen.

War das das Ende der UNO? Schied die Sowjetunion, der größte und einer der mächtigsten Staaten der Erde, aus einer Organisation aus, die von allen verantwortlichen Staatsmännern als der einzige Schutz gegen einen dritten Krieg, eine dritte Verwüstung Europas, eine neue, noch umfassendere Zerstörung und Vernichtung angesehen wird? In diesem Augenblick stand mehr auf dem Spiel, als die Lösung der Persienfrage, selbst mehr als der Sieg des Rechts. Der Gedanke der Zusammenarbeit der Völker, der Gemeinsamkeit über die Grenzen hinweg, das Bewußtsein zu einer großen Völkerfamilie zu gehören, auf die das Unglück jedes einzelnen Mitgliedes immer als Gesamtheit zurückschlagen muß, war bedroht.

Der neue Geist ist seit der Konferenz von San Franzisko wiederholt in vielfältigen Reden gefeiert worden. Am guten Willen jedes einzelnen Staates wird in den meisten Fällen nicht gezweifelt werden können. Die Probe jedoch darauf, ob dieser Geist über das Nachbeten von Lobsprüchen und Versprechungen hinausgeht und die Herzen der Staatsmänner erfüllt, so daß sie auch entsprechend ihren Worten empfinden, ist noch nicht abgeschlossen.

Die Menschen denken noch in den alten Formen der Politik. Sie schauen auf die Grenzen, die den Nachbarn von ihrem eigenen Machtbereich abtrennen; sie verurteilen Vorgänge, die sich jenseits der eigenen Grenzen abspielen, weil sie ihren Ansprüchen und Forderungen, vielleicht manchmal auch ihren Wunschbildern nicht entsprechen; sie glauben innerhalb der eigenen Landesgrenzen ihren eigenen Willen rücksichtslos durchsetzen zu können, ohne zu bedenken, daß jede Handlung im Nachbarn auch Mißbehagen hervorrufen kann.

Dabei sind die Menschen und selbst die verantwortlichen Staatsmänner meist des guten Glaubens, sie wollten dem Frieden dienen, aber noch stellen sie die eigenen Wünsche den wahren Interessen aller Völker gleich. So müssen sich Reibungen ergeben. Es tauchen Zwischenfälle, Streitfragen, Mißstimmungen, Unklarheiten auf. Kleingläubige nehmen diese Dinge wichtig, messen ihnen Bedeutungen zu, die ihnen vielleicht einmal früher in den Zeiten der alten Diplomatie zukamen, deren Lösung jedoch nicht schwerfällt, wenn die Völker und ihre Führung vom neuen Geist der Zusammenarbeit und dem unbedingten Friedenswillen durchdrungen sind. Hier liegt der eigentliche Prüfstein der politischen Lage.

Überall auf Erden gibt es offene Fragen. In Spanien hat sich der Generalissimus Franco halten können, obwohl seine Gegner versuchen, mit allen Mitteln dem demokratischen Gedanken zum Siege zu verhelfen. In Paris hat sich eine republikanische Schattenregierung Spaniens gebildet, die bereits von einigen Staaten anerkannt worden ist. Das französische Verlangen, die spanische Frage vor den Weltsicherheitsrat zu bringen, ist an der Weigerung Großbritanniens und der Vereinigten Staaten gescheitert. Die französisch-spanische Grenze ist zwar gesperrt, jedoch sind alle weiteren Schritte zurückgestellt, bis die für Ende dieses Monats geplante Konferenz der Außenminister der Großmächte Gelegenheit gehabt hat, eine gemeinsame Stellungnahme zu beschließen.