Von Hans Bayer

Dies wäre also wieder die Tübinger Luft die so grüblerisch und lebensfreudig stimmt. Dies ist wieder das ehrwürdige Kopfsteinpflaster. Und da ist wieder das Tübinger Stift, in dem schon so manche Welträtsel gelöst wurden. Man braucht nur ein paar von den Männern zu nennen, die dort als Studenten der Theologie in den Stuben hausten, die heute noch – trotz allem! – Namen wie „Glaube“, „Liebe“, „Hoffnung“, „Bagdad“ und „Mekka“ tragen, so hat man eine ganze Zeittafel Tübinger Geistesgeschichte. Frischlin, der lateinische Schulkomödien schrieb, und Kepler, der die Bahnen der Planeten erforschte. Hegel, der vom Geist als dem allein Wirklichen sprach, und Schelling, der die Gegensätze der philosophischen Begriffe zu überbrücken versuchte, Mörike, der die zartesten deutschen Gedichte schrieb, und Hölderlin, der schwäbische Grieche, Bengel, der Vater des schwäbischen Pietismus, und David Friedrich Strauß, der dem Neuen Testament mit dem Skalpell der Quellenkritik zu Leibe rückte.

Aber wo früher die Stiftler hausten, ist heute die Landesdirektion für Wirtschaft untergebracht. In der Stube „Mekka“ werden keine theologischen Probleme mehr debattiert, sondern man zerbricht sich den Kopf über die Frage, wie man die Bevölkerung mit den schlecht riechenden Tonstücken versorge, die sich heutzutage euphemistisch Seife nennen.

Stuttgart, Ulm, Heilbronn, Friedrichshafen, Freudenstadt, Weinsberg: man kann in diesen Städten nur leben, wenn man die Gabe hat, über Schutt und Trümmer und tote Fassaden die Abziehbilder der Erinnerung zu kleben. In Tübingen aber braucht man nicht zu so tröstlicher Selbsttäuschung zugreifen. Die Stadt ist fast unversehrt. Sie hat es der Besonnenheit des früheren Standortarztes zu verdanken, der sich mit der Waffe in der Hand denen entgegenstellte, die wollten, daß nach ihrem jammervollen Abtreten die Sintflut käme. Das Haus Ludwig Uhlands ist eines derjenigen, die zerstört sind.

Im übrigen ist von den Baulichkeiten alles vorhanden, was jeder Freund Tübingens kennt: das Radfenster an der Stiftskirche, zwischen dessen Speichen als grausames Maßwerk ein Mann geflochten ist, und zwei Schritte weiter das Fenster des heiligen Martin, der seinen Mäntel mit dem Bettler teilt. So steckt auch die Stadt voll von Gegensätzen. „Laßt uns ins Leben lachen!“ schreit es optimistisch von einem Plakat. Und damit das Staunen nicht versiegt, sieht man gleich hinterher, was ein brauner Marokkaner mit freundlichem Gesicht und weißem Turban sich eine Theaterkarte für die „Iphigenie“ kauft. Aus dem ersten Stock eines alten Fachwerkhauses flattern ein paar sehnsüchtige Takte Klaviermusik, „Parlez moi d’amour“, und eine resolute Frau im Parterre schreit ihren Jungen an, er sei ein „drecketer Saukerle“.

Wiederkehr der lebhaften Farben, kunstvolle Drapierungen mit langem Faltenwurf, Rückkehr zur edlen klassischen Linie“ verordnet als Balsam für die Menschheit der neueste Modebericht aus Paris, der in einem Schaufenster neben Photos von Modellen von Rochas, Lanvin und Schiaperelli hängt und gerade von einer hübschen Studentin in baumwollenen Strümpfen und im schlecht sitzenden grauen Kleidchen minutenlang betrachtet wird. In dem Lokal, in dem man aus Blechschüsseln ein höchst bescheidenes Essen bekommt, ist am Abend „Großer Ball“. Es riecht in den Straßen Tübingens nach den Créationen Houbigants und Cotys, nach schlechtem Tabak und nach Weißkohl. Gegensätze genug....

„Attempto – ich wag’s“, hieß der Wahlspruch des Stifters der Universität, Graf Eberhard im Bart. „Attempto“ steht in großen Buchstaben über dem Portal der neuen Aula. Die Studenten unserer Tage sehen freilich nicht so aus, als bedeute ihnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft ein Wagnis. Sie sind fleißig, besuchen pünktlich die Vorlesungen und machen nach dem Urteil eines der Ihrigen eher den Eindruck, „als seien sie pünktliche Buchhalter, die sich das Wohlwollen des Chefs verdienen wollen“. Was ist mit diesen Studenten?