Eine Osterbetrachtung

Von Hans Iwand, Göttingen

Zu den bedeutsamen Erscheinungen, die uns die Erschütterungen der letzten Jahre gebracht haben, gehört der Kampf der Kirche um ihre Existenz. Es konnte ja gar nicht anders sein, als daß das Herrschaftsgebäude des totalen Staates und einer bis ins Ethos hinein tief antichristlichen Weltanschauung die Kirche bedrohte und daß diese nur als Bekennende Kirche existieren konnte. Die Bekennende Kirche war nicht etwa nur ein radikaler oder oppositioneller Teil des Ganzen, sie war und verstand sich von vornherein als die Kirche schlechthin. In ihrem Zeugnis kam die Kirche zu Wort, in ihrem Leiden wurde die Kirche verfolgt, in ihrem Verstummen verstummte die Kirche. Das wußte niemand so gut wie ihre Gegner. Wenn viele Menschen in Deutschland das nicht sahen und nicht begriffen, dann liegt das nicht zum wenigsten daran, daß die nicht bekennende, die sich irgendwann gleichschaltende Kirche nach außen hin viel unangefochtener, sicherer und handgreiflicher existierte, während die Bekennende Kirche nach anfänglich weithin vernehmbarem Zeugnis mehr und mehr in Verfolgung, in Haft und auferlegtem Schweigen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwand. Und doch war sie da; sie war da in einer bestimmten Art der Verkündigung, in einer bestimmten Haltung und Mitwirkung der Gemeinde, in einer besonderen Fürbitte, in Zeugnissen, die uns von der Front her erreichten, in seltsamen Begegnungen mit den Christen in den okkupierten Ländern, vor allem in den Zeugnissen, die ’hin und wieder aus den Kerkern zu uns gelangten als letzter Gruß und stärkende Mahnung derer, die getreu waren bis in den Tod. Als Martin Niemöller nach achtjähriger Trennung zum erstenmal wieder unter uns trat und mit ihm Karl Barth, als wir uns trotz allem und trotz mancher schmerzlichen Lücke zum erstenmal in Frankfurt wieder zusammenfanden, wußten wir, daß die Existenz der Kirche unter einem besonderen Gesetz stand, daß diese Existenz nichts Selbstverständliches-, Statisches, Gegebenes sein kann, daß vielmehr hierher nur ein Wort paßt, um zu beschreiben, was uns widerfahren war: „Siehe, wir leben.“ Wir können es schwer glauben, wir träumen lieber von der Ewigkeit irdischer Reiche, aber es dürfte eben doch wahr sein, daß Gottes Verheißung von der Ecclesia in perpetuum mansura, von der Kirche, die die Pforten der Hölle nicht überwältigen können, gilt.

Neue Brüderlichkeit

Es war merkwürdig, wie fließend in diesen Jahren der Anfechtung und des Bekennens die alten, überkommenen Grenzen wurden, die die Christen voneinander trennten. Auf einmal stand ein und derselbe Name über den Verschiedenheiten der Konfessionen. Ein Glaube verband Menschen, die längst vergessen hatten, daß sie Brüder sind. Es lief durch alle Kirchen und Sekten hindurch. Es war nichts Organisiertes, es war etwas Unmittelbares. Die neuen Entscheidungen, die aufbrachen, setzten neue Grenzen. So geschah es, daß in katholischen Gottesdiensten Fürbitte gehalten wurde für evangelische Glaubenszeugen und daß umgekehrt Predigten eines katholischen Bischofs evangelische Christen herausrissen aus der Schwachheit ihres Glaubens und sie aufs neue aufrichteten zum Glauben an die Gerechtigkeit. Es geschah, daß Reformierte und Lutheraner, ungeachtet ihrer Lehrdifferenzen. gemeinsam das Abendmahl feierten und dessen gewiß wurden, daß die Gegenwart des Herrn und die Worte seiner Stiftung mächtiger sind als die Interpretationen über das Wie solcher wunderbaren Gegenwart. Denn es war nicht rationalistische Verflachung, die die Unterschiede verwischte. sondern es waren Begegnungen darum, weil der echte, lebendige Glaube die eine Wurzel wieder entdeckte, die den weitverzweigten Baum christlicher Bekenntnisse trug.

Aber auch andere Unterscheidungslehren wurden auf ihr Gewicht hin gewogen und zu leicht befunden. Die Sache der Bekennenden kam nicht nur in spezifisch kirchlichen Entscheidungen ans Tageslicht, sie war auch im politischen Raum mächtig, wenn auch leider nur viel zu unerkannt und darum zu spät. Vielleicht ist es die altgewohnte, aus einer ganz, andern Fragestellung stammende Unterscheidung der „beiden Reiche“ gewesen, die uns den Blick getrübt hat, dies rechtzeitig zu sehen und tatkräftig zu bezeugen. Wir leben noch viel zu sehr im Grabensystem längst vergangener Religionskämpfe, – während die Strategie, nach der der Angriff auf die Christenheit geführt wurde, eine höchst moderne war, die traditionelle Vorurteile nur zu ihren eigenen Gunsten verwertete. Darum sahen wir nicht, daß überall da, wo Menschen dafür kämpften, litten und starben, daß der Staat nicht zur „Räuberhöhle“ (Karl Barth) werden darf, daß die Obrigkeit kein Recht hat, den Menschen zur Nummer zu degradieren und über die Freiheit des Menschen zur Tagesordnung hinwegzugehen, daß darum das politische Geschäft nicht jenseits von Gut und Böse steht, sondern daß um der Aufrechterhaltung dieser Grenze willen der Staat gesetzt ist, und daß es unser Versäumnis, das Versäumnis der Christen war, wenn wir, allein um unser Heil bekümmert, den Staat, die Öffentlichkeit, die Wirtschaft teilnahms- und verantwortungslos dem freien Spiel der „Kräfte“ und damit der – Hölle überließen. Wir sahen nicht und sehen es wohl auch heute noch kaum, daß auch die Sache Christi auf dem Spiel stand. Erst wenn jene dogmatische Trennung zwischen dem Reiche Gottes und dem Reich der Welt uns einmal fraglich werden wird – und wir stehen sehr nahe davor –, werden uns die Augen aufgehen für die Versäumnisse einerseits, aber auch für die vorgreifenden Mahnungen und Erfüllungen anderseits, die in den letzten Jahren auf diesem Felde inhaltreicher Entscheidungen zu verzeichnen sind. Es wird diese Erkenntnis da aufbrechen, wo neu begriffen wird – und auch gerade von der Seite des „politischen Menschen“ her –, daß Jesus Christus der Herr der Kirche und der Herr der Welt ist.

Symbol der Auferstehung