In einer holsteinischen Landstadt ist kürzlich die Demokratie gerettet worden. Das Gemeindeparlament hatte beschlossen, die Bilder von Reaktionären aus dem Rathause zu tun – mit welch einer Mehrheit, sei besser verschwiegen. Unter den „Gemaßregelten“ aber befand sich – man hört es mit Staunen – neben Bismarck auch der Freiherr vom Stein. Der Anführer dieser befreienden Tat erhielt den Beinamen „der Bilderstürmer“; man lachte über den Schildbürgerstreich und ging zu wichtigeren Dingen über. Das Gefühl, eine Dummheit gemacht zu haben war allgemein.

Uns aber scheint, man sollte doch einen Augenblick darüber nachdenken, was für ein Geist der Gewalttat in diese ahnungslosen Opfer Till Eulenspiegels gefahren ist. Glaubten sie, die Geschichte rückwärts revidieren zu können? Wie mancher Spießer im Braunhemd hat doch im Jahre 1933 dasselbe gewollt Ressentiment und Rechthaberei sind offenbar von deutscher Politik nicht zu trennen. Haben die Bilderstürmer bedacht, ob sich irgendein anderes Volk heute solch ein Stückchen leisten würde?

Wie aber kommt eine deutsche Gemeindevertretung dazu, ausgerechnet den Freiherrn vom Stein in dieser verunglückten Form zu beschulmeistern? Ihn, ohne den die deutsche Selbstverwaltung undenkbar ist! Weder die Befreiung aus Dumpfheit und Reaktion noch der große geschichtliche Zug, der durch sein Reformwerk geht, weder der Geist des Wagemuts noch des Ethos des Dienens wären der deutschen Kommunalpolitik zu eigen, wenn dieser eine Mann nicht seine Klugheit und Kraft dafür eingesetzt hätte. „Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war – und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.“

Sicherlich hat hinter jenem Beschluß eine ernste Sorge um falsche Geschichtsbilder, ein Gefühl der Verantwortung für die junge deutsche Kommunaldemokratie gestanden. Das eben ist das Schlimme. Maß halten können scheint uns nun einmal nicht beschieden zu sein. Oder ist es vielleicht in der Not und Verwirrung des Augenblicks nicht anders zu verlangen? Wie dem auch sei, der Gedanke der deutschen Selbstverwaltung darf mit solchen querelles allemandes nicht mehr belastet werden.

Der Freiherr vom Stein hat in den Grenzen des damaligen Staates wirken müssen, und dieser Staat war eine Monarchie. „Aus königlicher Gnade und Machtvollkommenheit“ ist dann auch 1808 die Städteordnung – angeblich – ergangen. In Wahrheit entstand sie aus einer Rebellion, der Friedrich Wilhelm III. nur mit tiefer Erbitterung nachgegeben hat. Ihr führender Kopf war der Freiherr vom Stein – und der König hat diesem „ungehorsamen Diener“ bis zuletzt nicht getraut. Nur wer die bösartige Zähigkeit der Berliner Kabinettsbürokratie beachtet, kann beurteilen, welch eine Tat diese Städteordnung bedeutete. Es mag Menschen befremden, daß der Freiherr vom Stein in den ständischen, aristokratischen Formen der Zeit zu denken: gewohnt war. Wer aber will vergessen, daß nicht die Begriffswelt, sondern der Geist seines Denkens, der Geist des Vertrauens und der Selbständigkeit die Zukunft der deutschen Städte gesichert hat? Nur sechs „große“ Städte – über 10 000 Einwohner – besaß damals der Staat des revolutionären Staatsministers vom Stein. So schmal war der Boden, aus dem sich hundert Jahre später die hochentwickelte, international angesehene deutsche Kommunalverwaltung entfaltet hatte. Es hat unendlicher Kämpfe mit Reaktion und Kleingeisterei – nicht zuletzt der eigenen Bürger – bedurft, bis dieses Werk vollendet war. Heute können und müssen wir daran weiterbauen, als an einer jener großen, wahrhaft sozialistischen Leistungen, die unser Volk ohne Lenkung „von oben“ hervorgebracht hat. So kann uns auch der „Bilderstürmer“ wenig Sorge machen, selbst wenn er hier und da noch Nacheiferer finden sollte. Denn der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist längst zum Eckstein gesetzt worden...

F. M.