Lascht unsch heute zeichen“, so sagte der Zeichenlehrer, dessen Unfähigkeit, ein Schluß-s zu sprechen, ihm das dankbare Andenken seiner Schüler sicherte, „lascht unsch heute zeichen einen Osterhasen. Sehr grosch, sehr schön, mit einer Bordüre von bunten Episoden. Losch! Anfangen!“ Er liebte es, wenn die Zeichenstifte die Feste feierten, wie sie fielen. Er ließ den Weihnachtsmann „zeichen“, so auch Symbolgestalten für Lenz und Sommer. Jedesmal „sehr groß, sehr schön“ und „mit einer Bordüre von bunten Episoden“. Und da man* einst bekanntlich nicht für die Schule, sondern für das Leben lernte, haben sich die Lehren des Zeichenlehrers eingeprägt. Diesmal ist Ostern dran. „Losch! Anfangen!“

Ja, wenn das heutzutage so einfach wäre!

Früher war es leicht, einen Osterhasen zu zeichnen, einen „einspaltigen“ Osterhasen, der auf dem ersten Platz der ersten Feuilletonspalte saß und dort sein Männchen machte und eine Schelle um den Hals hatte und damit klingelte: „Klingling, es ist Ostern, ihr Menschen, seid ein bißchen fröhlich! Das Ei ist gelegt!“ Denn früher schlenderte der Chronist, der diesen Auftrag versah, seelenruhig ins Zeitungsarchiv. Und dort fand „unser ins Archiv entsandter Sonderberichterstatter“ dann alle Farben schon fix und fertig angerichtet, sowohl für das Bild vom Hasen als auch für die Bordüre mit bunten Episoden. Heute aber sind die Zeitungsarchive zum größten Teil ausgebombt, und der Zufall wollte es, daß die Bombe auch den Osterhasen traf.

Ein Ei zu zeichnen, ein österliches Ei – ja, das wäre eine Möglichkeit. Ein Ei ist ein einfaches ovales Ding, sehr leicht eins aufzuzeichnen, ein Kinderspiel. Und welch ein reichhaltiger Stoff für die Episoden-Bordüre! Man könnte bei den alten Ägyptern beginnen; denn bei Sachen wie einem Ei kann man immer bei den alten Ägyptern beginnen. Ein Ei ist unerhört symbolisch. Ein Ei gibt etwas her. Es lohnt sich immer, eins aufzurufen. Aber einen Osterhasen, einen kulturgeschichtlichen, wie man ihn zu Ostern liebt, diesen aufzurufen, darauf kommt die Kartenstelle nicht. Wo doch schließlich auch die kulturgeschichtliche Frage beantwortet werden müßte: Wie kommt der Hase an das Ei?

Wie, wenn ich den Hasen gewaltsam bei den Ohren packte? Er hat lange Ohren am Kopf, die sogenannten Löffel. Er hat vier Beine, mit denen er früher, um die Ostereier zu legen, von Garten zu Garten hoppelte, genannt Läufe. Ganz abgesehen, daß er unterm Schwanz etwas Weißes trägt, hat er gar keinen Schwanz, sondern eine Blume, eine Osterblume: das ist logisdr. Da wäre er also, der Hase! Ich packe ihn und setze ihn ins Feuilleton. Puh, wie er kratzt und zappelt! Soll er doch! Ich kann mich daran nicht ärgern. Ich habe den Osterhalten ja nicht erfunden. Setz dich! Mach Männchen! Mach gefälligst „Klingling“!

Über die Ostereier bin ich, wie gesagt, ziemlich gründlich informiert: die könnte ich für die Bordüre mit bunten Episoden nehmen. Da war zum Beispiel die Komtesse Phyllis, welcher der Marquis Camembert ein Kunstei vors Haus fuhr. Das Ei lief auf Rädern, und vier weiße Pferde waren vorgespannt. Als Phyllis das Ei aufklappte, da war ein Reitpferd drin mit silbernem Zaumzeug, als Ostergeschenk, als Osterei. Ein Osterhase aber ist leider nicht dringewesen. Madame Pompadour hat von ihrem großen König auch ein Osterei bekommen., Ein großes Ei aus Ebenholz, darin war ein zweites Ei aus Elfenbein, darin ein drittes aus Porzellan, darin ein viertes aus Silber, darin ein fünftes Ei, und dieses Osterei war ein Brillant. Und Madame, die ein Ei nach dem andern aufklappte, soll, beim Brillanten angekommen, das historische Wort geprägt haben: „Endlich.“

Es scheint übrigens, als ob in den kulturhistorischen Zeiten ganz allgemein mehr Ostergeschenke dargeboten wurden, vor allem auch viel phantasievollere, als ich hier mit meinem feuilletonistischen Osterhasen zu bieten habe. Von solchen Geschichten wimmelt es im Zeitungsarchiv. Aus dem Rokoko, aus der Gotik, aus dem Biedermeier, allenthalben Ostereier. Nur bei uns sind die Ostereier heuer vielmehr ungeheuer knapp.

Es bleibt nur übrig, zum Schluß den Frühling symbolisch für den Osterhasen-Denkmalsockel heranzuziehen und ihn zu bitten, das Seinige zu tun: „Komm, holder Lenz und mache...!“ Das sollte genügen, damit er endlich zu uns käme, ein Frühling, wie der Zeichenlehrer einst ihn wünschte, wenn die Zeit vollendet war: Sehr groß, sehr schön! Mit einer Bordüre von bunten Episoden! Los! Anfangen! Jan Molitor