Von Herbert Lestiboudois

Wenn wir damals die derben Wanderschuhe anzogen, an den Beinen kurze Hosen trugen, in die Wind- und Wetterjacke hineinschlüpften und den Kopf ohne Bedeckung ließen, dann geschah das nicht nur, weil es zweckmäßig war. Wir gingen so, weil wir in eine andere Welt gingen! Wir sahen so aus, weil jene Welt, in die wir hineinwanderten, anders aussah als die Welt des Bürgers! Wir hatten deutlich das Gefühl in uns, daß wir vor unserer Welt schlicht und einfach und mit freien Stirnen zu erscheinen hatten, nicht aber mit Hosen und Hüten, deren modischer Zuschnitt für das Büro und die Straße, die Gesellschaft und das Theater geeignet sein mochte.

Sagt nun nicht gleich: was redet der von freien Stirnen? Die rechten Wandervögel trugen lange Federn auf den Hüten, und ihre langen nackten Beine waren schwarz von langen Haaren – sie sahen kömisch aus, ja, oft recht lächerlich! Und dann: sie sind ja auch schon lange tot...

Nie lag eine Sache dem Spott des Bürgers so nahe wie diese, nie aber auch war Spott oberflächlicher und abwegiger als hier. Und zu allem Überfluß hat auch der Geist dieses Bürgers niemals mehr von einer Sache profitiert; denn sein heutiges Verhältnis zur Natur, sei es auch ein mit seiner Zivilisation verquicktes, auf Autorädern rollendes, große Hotels und Genüsse des Gaumens liebendes oder – auf der andern Seite – einen Schrebergarten sorgsam pflegendes, kurz: ein nur nutznießendes, kaum oder selten aber schöpferisches: wem denn anders verdankte er dies, als dem oft verlachten und mit Spott bedachten Wandervogel?

Gewiß, er hat gelebt, der lange Heinrich oder Theobald oder wie er immer heißen mochte: ein dürres, mageres Ende, ein schwärmender, etwas sonderbarer Heiliger und ruhelos Suchender der blauen Blume der Romantik, voller Hingabe an seine Sucheraufgabe und voll auch eines schönen, idealen Feuergeistes Wer aber nur lachend mit Fingern auf ihn zeigte oder heute noch seiner spottend gedenkt und nichts weiter in ihm sieht als den Anlaß einer Karikatur, der mag sich noch so überlegen und gescheit vorkommen: sein Finger und sein Spott zeigen nicht auf den Geist des Wandervogels, sondern tief in die eigene innere Armut und Leere.

Und noch ein anderes muß gesagt werden: Wer da meint, daß er tot sei, dieser Wandervogel, dem ist zu erwidern, daß er irrt, auch wenn der lange Theobald nicht mehr wandernd und Lautenlieder singend auf der Landstraße zieht, auch wenn ein anderes Wandern jetzt auf unseren Landstraßen alles eher denn einen bewegten Geist der Jugend zum Ausdruck bringt. Und trotzdem ist er niemals ausgestorben, sowenig wie es der Vogel in der Luft ist, der, dem Gesetz der Jahreszeiten und dem inneren Rufe folgend, gen Süden oder Norden wandert. An äußeren Formen, in seiner Zahl, an der inneren Beteiligung der Jugend hat er mancherlei Veränderungen erfahren, ähnlich jenen Änderungen im Bilde der Jahre und Zeiten, wie sie sich in der Landschaft und im Lebenswandel, in den Umwertungen von Gesetzen und Maßstäben auswirken. Und es sind gewaltige Veränderungen, die sich in knapp fünfzig Jahren im Bilde der Jugend vollzogen haben, deren Weg von der freideutschen Jugend, den Studentenbünden, den Wandervogelbünden über die schon politisch betonten Jugendorganisationen der sozialistischen Arbeiterjugend, des Werwolfes, Jungdeutschen Ordens und der sogenannten vaterländischen Verbände bis in die kasernenartigmilitaristische Form der Hitler-Jugend ging! Was aber bedeuten all diese Äußerlichkeiten vor dem Geist des Wandervogels, der doch insofern unsterblich ist, als auch ihn das Ewige bildet, das den Vogel in der Luft ruft: die Stimme der Jahreszeiten und die Stimme der inneren Sehnsucht, der Ruf der Natur und das Echo aus der Tiefe des Herzens?

Es ist wohl wahr: die Besten der einstigen bündischen Jugend, die Besten, die das Manifest des Hohen Meißners im Herzen trugen, die also recht eigentlich den Wandervogelgeist, der ja eigentlich immer da war, zuerst bewußt werden ließen, in bestimmte und bestimmende Worte und Ziele zusammenfaßten – diese Rufer und Wecker sind schon in den Materialschlachten des ersten Weltkrieges umgekommen. Und jene von ihnen, die am Leben blieben, um das Vermächtnis der Jugend weiterwirken zu lassen, sind zum zweiten Male dezimiert worden auf dem deutschen Kasernenhof Hitlers und in den Abgründen eines zweiten unseligen Weltkrieges, so daß heute nicht mehr viele da sein dürften, denen noch ein Funke des Feuers vom Hohen Meißner in der Brust glüht. Daraus jedoch zu schließen, daß die Kräfte des Materials zweier fürchterlicher Kriege stärker gewesen seien als die Kräfte des einmal erweckten und gerufenen Geistes, könnte nur ein Trugschluß sein. Irrtum wäre es auch, zu glauben, es könne keine Jugendbewegung, keine bewegte Jugend wieder geben, weil sie erstarrt und erkaltet sei unter der Geißel eines Diktators und dem Fluch des Krieges. Jugend war gestern da und ist heute da und wird auch morgen da sein.