Von Deutschlands neun großen Börsenplätzen wurden in den ersten Monaten nach dem Zusammenbruch nur vier wieder eröffnet, und zwar Hamburg in der britischen, Frankfurt, Stuttgart und München in der amerikanischen Zone. Alle Börsen der russischen Zone, einschließlich Berlin, sind ausgefallen; für ihre Wiedereröffnung bestehen noch keine Anzeichen. Der Ausfall Berlins ist um so einschneidender, als alle deutschen Wertpapiermärkte seit Jahren unter der Führung dieses zentralen Platzes standen.

Jetzt konzentriert sich der Hauptverkehr Nord- und Westdeutschlands auf Hamburg, dessen Wertpapierbörse früher nicht eben überragende Bedeutung besaß, nun aber 60 bis 70 v. H. der Gesamtumsätze aller deutschen Börsen inne hat. Frankfurt a. M. mit 15 bis 20 v. H. fällt – für viele überraschend – im Vergleich mit Hamburg stark ab. Allerdings mußte Frankfurt den Börsenumsatz für seine Domäne, Süd- und Südwestdeutschland, von vornherein mit München und Stuttgart teilen, während die britische Zone jetzt erst weitere Börsen erhalten hat: Am 1. April ist die Niedersächsische Börse in Hannover wieder eröffnet worden, und am 15. April ist die Rheinisch-Westfälische Börse in Düsseldorf gefolgt. Beide Plätze werden wahrscheinlich für die britische Zone das werden, was München für die amerikanische Zone bedeutet: Nebenbörse, in deren Mittelpunkt Lokalwerte stehen.

Wenn es die Hauptaufgabe der Börse ist, die Finanzierung größer wirtschaftlicher Unternehmungen zu ermöglichen und zugleich ein Barometer der Wirtschaftslage zu sein, dann haben die deutschen Börsen-schon seit Jahren ihren eigentlichen Charakter verloren. Mit Hilfe der Börsen verschafften sich früher die großen Industrieunternehmen, die Pfandbriefanstalten, die Gemeinden und – soweit Aktiengesellschaften – die Banken ihr Kapital. Die Beweglichkeit der börsenfähigen Wertpapiere garantierte dafür, daß das zur Verfügung gestellte Kapital sofort frei wurde, wenn die Investoren bessere Anlagen fanden, wenn also an einer anderen Stelle der Wirtschaft das Kapital dringender verlangt wurde. Während des Krieges gab es in der privaten Wirtschaft nichts zu finanzieren. Dafür sorgtejsicht nur die Emissionssperre, sondern mehr noch die tatsächliche Unmöglichkeit, Sachkapital zu bilden. Die Investoren hielten ihre Papiere fest, denr neue und bessere Anlagen boten sich ihnen nicht. Im Gegenteil: mehr und mehr zwangsläufig freigewordenes Geldkapital suchte auf den Börser Anlage, führte zur Verknappung der Papiere, zu Einführung von Stoppkursen und Repartierungen. Wertpapiere waren Mangelware geworden; der verengte und gestoppte Markt konnte kein Barometer mehr genannt werden. Dafür nahmen die Emissionen des Reiches einen gewaltigen Umfang an. Die börsengängigen Aktien, Industrieobligationen und Pfandbriefe konnten nur einen kleinen Teil des an die Börsen strömenden Geldes bilden. Was übrigblieb, schluckten die Reichsanleihen: früher nur eine Wertpapierkategorie neben anderen, jetzt das alle Märkte beherrschende Papier.

Mit dem Zusammenbruch verschwanden die Reichs- und Staatspapiere aus dem deutschen Börsengeschäft. Aber die Börsen haben trotzdem noch nicht zu ihrer alten Aufgabe zurückgefunden. Noch immer gibt es nichts zu finanzieren, dem der Wiederaufbau geht äußerst langsam vor sich, und immer noch drängen mehr Gelder an die Börsen, als dort aufgenommen werden können.

In jüngster Zeit ist allerdings eine gewisse Wandlung eingetreten. Wir haben wieder eine große Finanzierungsaufgabe: die Sanierung unserer Reichsfinanzen, die wir mit bisher unvorstellbar hohen Steuern erkaufen müssen. Wenn früher die Investoren vielfach erst Reichsanleihen kauften, wenn ihre Bemühungen um den Erwerb anderer Papiere erfolglos geblieben waren – heute müssen sie durch ihre Steuern wohl oder übel erst zur nachträglichen Finanzierung des verlorenen Krieges beitragen, ehe sie mit dem Rest ihres Geldes Wertpapiere halten können. Es ist gegenwärtig deutlich spürbar, wie der Geldbedarf der Steuerzahlungen der Börse Nachfrage entzieht und die Kurse beträchtlich reduziert. Auch die psychologische Wirkung der neuen Steuern ist von einiger Bedeutung für das Börsengeschehen. Die Steuererhöhungen haben den Glauben gefestigt, daß dank drastischer Maßnahmen die Rettung unserer Mark gelingen werde. Wenn seit dem Zusammenbruch die „Spekulation auf die Inflation“ eine große Rolle spielte – betrieben unter dem Motto „Sachwerte kaufen um jeden Preis“ –, so ist jetzt eine Ernüchterung eingetreten. Noch um die Jahreswende konnte z. B. das Gerücht von einer beabsichtigten Abstempelung des Bargeldes die Kurse auf eine wirtschaftlich in keiner Beziehung gerechtfertigte Höhe treiben. Nicht zu Unrecht wird behauptet, daß dort, wo sich die Nachfrage besonders zügellos gebärdet, Schwarzmarktgewinne im Spiel sind, die nach Anlagen suchen.

Neben den Währungsüberlegungen bestimmen die Zukunftsaussichten der Wirtschaft vor allem der deutschen Industrie, das Bild an den Börsen. Wenn wir den Kursen glauben können, herrschen über das Schicksal der Industrie großenteils recht pessimistische Ansichten in Anlegerkreisen. Kaum eines der früheren Standardpapiere behauptet mehr seinen jahrelang unerschütterten Stoppkurs. Wenn etwa Klöckner oder Buderus in Hamburg noch den Stoppkurs halten und sich auch in Süddeutschland durchweg gut behaupten, so muß man von Ausnahmen sprechen. Die meisten Standardpapiere haben schwere Erschütterungen hinter sich. Mit besonderer Vorsicht werden alle Unternehmen bewertet, deren Hauptwerke sich in der russischen Zone befinden. Entsprechendes gilt auf dem Rentenmark für die Emissionen derjenigen Pfandbriefanstalten, deren Beleihungsgebiet im Osten liegt.

Die Aktien der Ruhrgesellschaften werden immer dann stärker in Mitleidenschaft gezogen, wenn die französische Agitation auf Loslösung des Ruhrgebiets von Deutschland besonders heftig einsetzt.