Von Tami Oelfken

Da habe ich nun wieder eine neue Behausung – die wievielte in diesen unruhigen Jahren? Ich trete hinaus auf den kleinen, vom Dach überragten Balkon: er hat holzgeschnitzte Ständer und ist so klein, daß du keinen Stuhl stellen kannst; es sei denn, du läßt seine Hinterbeine im Zimmer. Aber stehen kann ich darauf und mich an den kantigen Pfeiler lehnen. Von hier schaue ich auf die Stadt zu meinen Füßen, an der Tanne rechts vorbei bis über den weiten See.

Das Münster, das dem Heiligen Nikolaus geweiht ist, ist dicht vor meinen Augen. Es hat eine eisengegitterte Galerie, darüber einen runden Turm, der von einer Kugel gekrönt ist. Über der Kugel schwebt in der Luft die Wetterfahne, die uns zeigt, woher der Wind kommt. Unter der Galerie ist das graue Zifferblatt der Uhr mit schwarzem Rand. Die Zeiger wandern, sie messen uns die Zeit zu. Es ist fast fünf Uhr.

Ich werde nun stets genau wissen, wie weit ich am Tage bin; höchstwahrscheinlich sogar des Nachts. Ich wohne jetzt in einer belebteren Gegend, und hier hängt über der Straße eine Bogenlampe, die breite Bänder von Licht in meinen Raum legt. So werden mir Menschen und Wagen in eine vielleicht allzu vertrauliche Nähe gerückt. Ich werde lernen müssen, mich ihrer zu erwehren. Ein Arbeitsraum muß tabu bleiben, damit sich die Gedanken zur Ruhe setzen können wie der Vogel, der brüten möchte, in sein. Nest. Möge diese seltsam lange, schmale Mansarde mir für kurze Zeit ein Nest werden, in dem ich meine Ideen reifen lassen kann. Haben wir es nicht in diesen Jahren gelernt, wie wenig der Mensch braucht, um wirklich lebendig zu bleiben? Noch hat der Raum jene schöne, saubere Leere, die darauf wartet, angefüllt zu werden mit Dingen, die ich erst lebendig machen muß, und die mir Leben einflößen werden. Schon ist ein Tisch da, ein einfacher Küchentisch, über den ich eine alte Samtdecke breitete von stillem grauem Blau. Der Tisch ist groß genug, daß gute, friedliche Einfälle daran auswachsen können. Davor steht ein dunkelbrauner, geflochtener Stuhl, der mit kleinen, geschwungenen Armlehnen zugleich einladend und charmant ist und sich auch im besetzten Zustand als äußerst komfortabel erweist. Er steht auf einem quergestreiften französischen Wollteppich mit viel Grau und Rot und blassem Türkis. Es gibt ein Bücherbrett und ein riesiges niedriges Regal für alle meine Bücher, und darauf steht die messingne Kaffeekanne, und meine Tasse mit dem abgewaschenen Gold. Doch beschleicht mich beim langen Betrachten ein Gefühl der Unsicherheit. Was fehlt denn noch?

Gestern, als ich mit dem Einräumen der Bücher fertig war und glaubte, der letzte Griff sei getan, hatte ich dasselbe Gefühl, als hätte ich etwas vergessen. Da hing ich den goldenen Engel von Elisabeth Mühlenweg über mein Bett, damit er auf mich acht gäbe. Ich habe dann ein Alpenveilchen hier unter dem Gossenstein aus einer Scherbe gerettet – es blüht mit einer rosa gefälteten Knospe in meiner Marmeladendose –, trotzdem, es fehlt noch etwas.

Ich habe das Fehlende bei Meister Heberle im Schwalbennest gefunden: die Uhr aus dem Biedermeier. Die alte Uhr lag auf dem Küchentisch, das Gesicht nach oben. Der schwarze, quadratische Kasten war innen mit Gold abgesetzt, und auf schwarzem Grund waren zierliche Ranken und geschwungene Arabesken von blauen Glockenblumen und gezackten kleinen Weinblättern. Das runde Zifferblatt war vergilbt, die zwei Löcher zum Aufziehen an den Rändern durch vielfachen Gebrauch hell geworden. Die beiden Zeiger, ehemals glänzendes Messing, waren stumpf. Das Pendel lag auch da und ein gutgeformter Uhrenschlüssel zum Aufziehen.

Ich faßte die Uhr behutsam an. Da gab sie einen Ton von sich, einen leisen, nachhallenden, klagenden Ton. So als riefe sie.