Im Herbst des Jahres 1942 versandten die Wehrmeldeämter der deutschen Städte Karten, die mit dem Aufdruck versehen waren: „Für die Dauer des Dienstes in der Wehrmacht ist Ihre Wehrunwürdigkeit aufgehoben.“

Es waren Einberufungen zum deutschen Heer. Die Empfänger der Karten waren Männer, die politisch bestraft worden waren. Ihre Bestrafung hatte in jedem Fall die Erklärung der Wehrunwürdigkeit nach sich gezogen. Dazu kamen noch jene Männer, die, ohne durch ein Verfahren bestraft zu sein, im Konzentrationslager oder Gestapo-Keller gesessen hatten. Sie wurden zu einer Sondereinheit formiert und auf dem Truppenübungsplatz Heuberg bei Stuttgart aufgestellt.

So entstand die Afrika-Schützen-Division 999. Bei der Aufstellung haben die Nazi-Wehrinspektoren ein altes Prinzip zur Anwendung gebracht. Um den antifaschistisch-aktiven Charakter dieser Einheit zu unterminieren, berief man nicht nur politische Häftlinge, sondern es wurden auch kriminell Bestrafte in die Reihen der Division gefügt. Die Kriminellen wurden als Spitzel und Saboteure in die Reihen der Antifaschisten lanciert.

Welche Einschätzung diese antifaschistischen Aktivisten durch die sie kommandierenden Offizierskader erfuhren, kann durch nichts eindringlicher gesagt werden als durch Sätze aus einer Ansprache des Chefs der Ausbildungskompanie des im Januar 1943 eingezogenen Kontingents: „Das Leben eurer Familien kann nur durch euren Heldentod gesichert sein! Euer Recht, in diesem Staat zu leben, kann nur erreicht werden durch den Erhalt vieler Auszeichnungen, die im tapfersten Bewährungseinsatz erkämpft werden müssen. Der Führer hat euch eine letzte Chance gegeben ...“

Der Zweck der Aufstellung dieser Einheit war klar: Man wollte die schärfsten Gegner des Nazisystems aus der Heimat entfernen, um ihnen jede weitere Einflußmöglichkeit auf die Bevölkerung zu nehmen. Anderseits aber galt der Gedanke, daß, wenn die als anständig bezeichneten deutschen Männer und Jünglinge den Tod auf den Schlachtfeldern sterben durften, man den „Unzuverlässigen und erwiesenen Feinden“ erst recht Gelegenheit geben wollte, im Dienst einer Regierung, die sie nicht anerkannten, zu sterben. Deshalb war der Einsatz dieser Division in dem ungesundesten Klima von Tunesien vorgesehen: an den Salzseen von Gafsa und Sbitla.

Die ersten beiden Regimenter landeten von Mitte März bis Ende April 1943 in Afrika. Die Salzseen waren bereits von Alliierten besetzt. Ein großer Teil der Formation kam am 8. April bei Pischon in Gefangenschaft. Als sich das Tunesien-Abenteuer Hitlers in das Chaos auflöste, wurden die Reste der Einheit bei Mateur und Bizerta gefangengenommen.

In den großen Gefangenenlagern trafen sie mit den Angehörigen des Rommelschen Afrika-Korps zusammen, die schon früher in Gefangenschaft geraten waren. Viele von ihnen träumten noch immer von der Auferstehung der Rommel-Armee, von einer Offensive nach dem Suezkanal. Und da nun begannen die Angehörigen von „999“ von der Wirklichkeit zu sprechen. Sie sagten, was sie zu sagen hatten.