Von Axel Eggebrecht

Jedes Gewitter kündigt sich durch Sturmstöße an. Auch der langen Unwetternacht von 1914 bis 1945 gingen genug Warnzeichen voraus; die grellsten vielleicht während des Falles Dreyfus, von dem Thomas Mann 1919 gesagt hat, der Weltkrieg sei im Grunde nur eine Wiederholung der „affaire“ in kolossalischem Maßstab gewesen. Heute müssen wir hinzusetzen, daß die 1918 vorläufige Entscheidung nun endgültig gefallen ist; und in demselben Sinne, wie einst bei jenem Justizfall.

Ehe wir diesen als das Vorspiel der großen Katastrophen zu deuten suchen, seien seine wichtigsten Daten wiederholt.

Seit 1890 verschwinden in Paris militärische Geheimdokumente. Verdacht auf den deutschen Militärattache v. Schwartzkoppen. Gegenspionage, bestochene Scheuerfrauen, geleerte Papierkörbe Endlich ein Ergebnis, ein Zettel, Verzeichnis überbrachter Schriftstücke. Dieses „bordereau“ kann nur von einem Generalstäbler stammen. Untersuchung, erst geheim, dann unter lärmender Anteilnahme der patriotischen Presse. Schriftvergleiche, Gutachten – die sich später als völlig irreführend erweisen werden –, dann wird ein Capitaine Dreyfus verhaftet, der jegliche Schuld bestreitet.

Tatsächlich fehlen bei dem wohlhabenden Mann alle Motive. Frauen? Er ist glücklich verheiratet. Spiel? Der begabte, strebsame Mann ist die Nüchternheit selber. Aber er ist unbeliebt, kein Kamerad und – Jude. Vor dem Kriegsgericht, am 19. Dezember 1894, macht er schlechte Figur. Er scheint geradezu mit dem Geist seiner Richter zu sympathisieren. Er will seine Offiziersehre wiederhaben, weiter nichts. Dieser jüdische Offizier wird sich auch später niemals als Vorkämpfer einer politischen Idee oder Märtyrer seiner Rasse fühlen. Clemenceau hat als alter Mann bezeugt: „Dreyfus ist der einzige, der nichts davon verstanden hat. Er stand klaftertief unter der Affäre. Das war übrigens viel besser so! Man kann uns nicht vorwerfen, daß wir uns von seinem Fluidum hätten hinreißen lassen. Davon hatte er nicht für einen Groschen.“

Das Kriegsgericht am 19. Dezember 1894 hätte Dreyfus vielleicht freigesprochen. Doch im Auftrage des Kriegsministers wird den Offiziersrichter ein geheimnisvoller Umschlag in das Beratungszimmer überbracht. Darin befinden sich neue, scheinbar unumstößliche Schuldbeweise; wie es später hieß: ein Dokument mit einer handschriftlichen Bemerkung des deutschen Kaisers, die sich auf Dreyfus bezog. In Wahrheit handelt es sich um ein belangloses Papier. Es bleibt dem Angeklagten und seinem Verteidiger Demange unbekannt. Auf Grund dieses ungesetzlich verwerteten Materials wird Dreyfus verurteilt, zu lebenslänglichem Bagno und Degradation. Diese wird am 5. Januar 1895 öffentlich vollzogen. Die Menge brüllt: mort!“ Dreyfus schreit seine Unschuld heraus. Dann wird er nach Cayenne gebracht, wo er sich vergessen glaubt.

Doch nun entwickelt sich der Fall erst. Demange glaubt an die Unschuld seines Mandanten. Die Familie Dreyfus findet Verbündete in Senat, Parlament und Presse. Bald sickert durch, daß der eben neugewählte Staatspräsident im Gespräch die Vorgänge bei jenem Kriegsgericht erwähnt habe.