Zur Hamburger Aufführung der Mozart-Oper

Die alte Hamburger Oper, das Stadttheater, von Schinkel entworfen, von Wimmel erbaut, ist in den Unheilstagen von 1943 ausgebrannt. Nur das neue Bühnenhaus ist erhaltengeblieben, der eiserne Vorhang hat es gegen die Flammen geschützt. In ihm ist heute die Oper untergebracht. Die technischen Einrichtungen haben dies – wie spielend – ermöglicht. Man hat den Bühnenboden in Bewegung gesetzt. Podium Nr. 7. das letzte in der Reihe, ist hochgefahren und bildet die neue, Bühne; Nr. 5 und 6, ein wenig gesenkt, ergeben den Platz für das Orchester, und die restlichen Podien sind so angeordnet, daß für die Sitzreihen mit den sechshundert Plätzen die notwendige Steigung entsteht. Der Zuschauerraum hat eine Decke erhalten, deren Form in der Mitte steht zwischen dem Plafond eines Festraumesund dem Abschluß eines Zeltes. So wirkt er wie ein langgestreckter Gartensaal, und wenn der Vorhang aufgeht, ist es, als seien die Türen zum Park geöffnet worden.

Insel zwischen Trümmern

Wenn man abends zu den Bühneneingängen geht, durch die man das Theater betritt, erwartet man einen so festlichen Eindruck nicht. Man sieht von den Straßen an den Längsseiten in die Ruinen des alten Zuschauerraumes hinein. Die im Halbrund geschwungene Umfassungswand, die Proszeniumslogen und Teile der Ränge stehen, ein Rest des alten Wohllauts dieses schönen Innenraums ist noch zu spüren, aber der Eindruck der Vernichtung überwiegt, das Grauen vor den entfesselten Kräften des Feuers ist stärker als jede friedliche Erinnerung.

Schon einmal hatte ein anderes zerstörerisches Element, während der Bauzeit nämlich gegen Ende der zwanziger Jahre, das Bühnenhaus bedroht. Als damals die große Eisenbetonplatte fertiggestellt war, auf der die Wände errichtet werden sollten, glaubte man die Baugrube gegen das Grundwasser abgedichtet und ließ die Pumpen aussetzen. Da geschah es, daß die Auftriebskraft des eindringenden Wassers so stark war, daß die gewaltige Platte ins Schwimmen geriet. Erst das Gewicht des Baues, der mit großer Vorsicht aufgemauert wurde, drückte sie allmählich in die richtige Lage zurück.

Ein Denkmal der Bedrohung durch die Elemente, zugleich auch ein Denkmal der menschlichen Kunst, die das Unbändige gebändigt hat, steht so das heutige Opernhaus der Stadt Hamburg inmitten der Zerstörung, eine selige Insel der Musik. „Drum lehrt der Dichter, / Gelenkt hab’ Orpheus Bäume, Felsen, Fluten, / Weil nicht so stöckisch, hart und voll von Wut, / Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.“ Ariels Melodien bezwingendes Ungeheuer Caliban, und Osmin, der stets wütende, rohe, triebhafte Haremswächter, wird durch die geniale Grazie der Mozartschen Musik geadelt und in der Sphäre überlegener Komik angesiedelt,

Mozarts „Entführung“! Als Singspiel ist sie wie geschaffen für das kleine, an eine festliche Improvisation genahnende Theater; als Thema, als Vorstufe zur „Zauberflöte“ rührt sie heute besonders an unsere Herzen. Die Lehre, daß es besser sei, dem Todfeind edelmütig zu verzeihen, als sich an ihm zu rächen, eine Lehre, die dem Humanitätsideal entspricht, das am Wiener Hofe Josephs II. gepflegt wurde, hat Mozart in der „Zauberflöte“ später wiederholt. Sein Bassa Selim aus der „Entführung“ ist ein Vorläufer des Sarastro und steht in einer Linie mit Lessings „Nathan“ und Goethes König Thoas. Gewiß in weitem Abstand, was die Dichtung angeht. Die Operndichtung war für Mozart immer nur der Anlaß für die musikalische Gestaltung. „Bei einer Opera muß schlechterdings die Poesie der Musik gehorsame Tochter sein“, schrieb er mitten in der Arbeit zur „Entführung“ an seinen Vater. Und welch herrlicher Musik ist diese Handlung untertan, die in der abendländischen Dichtung schon seit dem zwölften Jahrhundert als die\ Geschichte von Flos und Blancflos bekannt war und in mancherlei Form behandelt worden ist, unsterblich aber erst durch Mozart wurde.