Eine kurze Meldung aus Remscheid besagt: 27 Kinder und Jugendliche aus der Stadt wurden allein an einem Tage in einer Nachbargemeinde aufgegriffen. Es ergab sich, daß viele dieser Kinder schon seit Tagen unterwegs waren, daß sie in Scheunen und Fabrikruinen „lebten“, und erst dann nach Hause zurückkehren wollten, wenn ihre Koffer und Säcke gefüllt wären ...

Anderswo ist es ähnlich. Der Hunger hat zu einer förmlichen Jagd auf Kartoffeln geführt. Die Bauern, die jetzt ihre Mieten öffnen und die Saatkartoffeln auslegen wollen, werden von Bettlern, Schwarz- und Tauschhändlern, Schiebern ujid Hamsterfahrern bestürmt. Die Diebstähle mehren sich. Und frisch verlegte Pflanzkartoffeln werden vom Felde gestohlen ...

„Für jeden Zentner Pflanzkartoffeln, der jetzt verschwindet, fehlen im Herbst zehn Zentner Speisekartoffeln“, so hat in seiner höchst eindrucksvollen Rundfunkansprache an die Verbraucher der ehemalige Reichsminister Dr. h. c. Schlange-Schöningen festgestellt, der seit einigen Wochen an der Spitze des „Zentralamts für Ernährung und Landwirtschaft“ steht. Und er fügte hinzu: „Es gibt sogar verantwortungslose Menschen, die gepflanzte Kartoffeln aus der Erde graben: es sind Verbrecher an ihren Mitmenschen, denn für jede ausgegrabene Saatkartoffel fehlen im Herbst zehn bis fünfzehn frische Kartoffeln bei der Ernte.“

Nur wenn es gelingt, genug Saatkartoffeln in den Boden zu bringen und die vorgesehene Erweiterung der Anbaufläche (um 80 v. H.) auch durchzuführen, nur dann können die Verbraucher damit rechnen, im Herbst wieder genug Kartoffeln zu erhalten. Nur dann ist ein erfolgreicher Kampf gegen den Hunger im nächsten Winter zu führen.

Mit allem Nachdruck aber muß es dem Verbraucher in der Stadt (und auch auf dem Lande) gesagt werden: Der Schwarz- und Tauschhandel in Lebensmitteln ist kein lässiges Vergehen, kein Gentlemen-Delikt. Wenn Herr Möller mit vergnügtem Lächeln seinen Bekannten erzählt, daß er durch „gute Beziehungen“ doch noch einen’Zentner Kartoffeln bekommen habe, und wenn Herr Kruse strahlt, weil ihm ein „guter Freund“ ein Pfund Fleisch oder Speck „besorgt“ hat, so kann man ihnen immer nur wieder vorhalten, daß sie wahrscheinlich, fast sicher, „heiße Ware“ gekauft oder eingetauscht haben, daß sie sich der Hehlerei schuldig machen, daß die Kartoffeln jedenfalls gestohlen sind, das Fleisch oder der Speck vielleicht sogar geraubt ist... In den Provinzzeitungen finden sich fast in jeder Nummer die Berichte, daß Bauernhöfe beraubt, ausgeplündert, niedergebrannt, Bauern, Wächter, Polizeibeamte niedergeschossen oder erschlagen worden sind. Fast in jeder Ausgabe auch ist zu lesen, daß Männer aus solchen Plündererbanden, Deutsche oder .Ausländer, vor dem Gericht standen und zu schweren Strafen verurteilt worden sind. Es liegt in der Natur der Dinge, daß nur ein Bruchteil derartiger Vergehen bekannt wird. Sie sind, leider, häufig genug – deshalb so häufig, weil der Hunger groß, die Bedenkenlosig-Veit der Menschen, die „schwarze“ Lebensmittel einhandeln oder eintauschen, aber noch größer ist. „Ich weiß“, so sagte Schlange-Schöningen, „Hunger zermürbt den Menschen nur zu leicht; er kann alle guten Regungen töten. Aber solche Notzeit zeigt auch, was der einzelne Mensch, was ein ganzes Volk wert ist. Lassen Sie uns auch im tiefsten Elend nicht den Stolz verlieren auf die großen Fähigkeiten unseres Volkes, auch wenn sie sich heute nur im stillen Ausharren. beweisen können, bis der wirkliche Aufbau beginnt.“ G. K.

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„Ende August wird das Hungergespenst an der Tür der Welt verschwinden; zum mindesten für eine Weile“, erklärte Hoover, der ehemalige Präsident der USA, bei seinem Besuch in Brüssel. Er kündigte an, daß gleich nach dem Einbringen der Ernte in Europa und Nordamerika eine Aufstellung über die Getreidevorräte der Welt gemacht werden solle, „damit die Menschheit weiß, woran sie ist“.