Ehe sie noch künstlerisch hervortraten, vernahm man von den Leuten der „Jungen Bühne“ in Hamburg, daß sie beim Mauern und Zimmern selbst mit Hand anlegen wollten, um sich nur Raum und Wirkungsmöglichkeit zu schaffen. Ihre Begeisterung, ihr hartnäckiger Eifer haben alle Widerstände überwunden; von zwei Stellen wieder fortgewiesen, wo sie im Geiste schon ihr Theater hatten erstehen sehen, haben sie schließlich in der Aula der Emilie-Wüstenfeld-Schule Unterschlupf gefunden. Kein übles Milieu, kein Grund, mit dem Schicksal zu hadern! Der einfache Raum, wenngleich nur mit rohen Holzbänken ausgestattet, stimmt angenehm erwartungsvoll; und über die Beschränktheit der Bühne mag der Gedanke an jene Bretter trösten, die einer in den Garderoben erzählten Sage nach einstmals über ein paar Tonnen gelegt wurden, womit der Schauplatz fertig war. „Junge Bühne“ klingt wie stürmisch-bescheidene Fanfare: Jugend drängt nach vorn, Neues ans Licht, und der Geist wird die Unzulänglichkeiten der Materie vergessen machen. Diesem Anspruch sowie der Ankündigung einer Uraufführung öffnen sich bereitwillig die Spalten dieser Zeitung – der Jugend eine Gasse! Man rechnet mit hochmütiger Armseligkeit des Kostüms, frecher Andeutung des Kolorits, ja mit Schrei und Gestammel, wo die Form noch fehlt, und ist entschlossen, unbeirrbar auf die aus orphischen Tiefen dringenden Stimmen zu lauschen.

Am Premierenabend gab es eine lautlose Katastrophe: der Kritiker brach durch den Boden seiner vorgefaßten guten Meinung glatt durch. Der aufgewirbelte Staub der Mißverständnisse biß in die Augen. War etwa der Angriff der Jugend so gewalttätig, waren die künstlerischen Mittel so desperat oder die Schauspieler nur irrende Ritter aus bürgerlichen Berufen? Keineswegs! Eher ist das Gegenteil richtig. Aber man fühle das nach: wenn statt des fliegenden Teppichs, der Ikarusflügel, des Helioswagens, oder womit man sonst Jugend beim Start auf den Parnaß sich denkt, ein nur wenig gebrauchter Ford vorfährt; wenn statt des erwarteten Ambrosia – sollte es ruhig ein wenig angebrannt oder versalzen sein – ein höchst irdischer Pudding gereicht wird... Es gibt einen Gesichtspunkt, und ein gut Teil des Publikums wird ihn einnehmen. unter dem anzuerkennen und zu loben wäre. Regie und Darsteller haben ein tüchtiges Stück Arbeit geleistet. Der Zulauf wird vermutlich nicht ausbleiben. Wenn es damit genug wäre, könnte man schweigen und den Mantel der Nächstenliebe als williges und billiges Kleidungsstück über das Mißverständnis decken. Aber offenbar ist es nicht genug damit; die Theaterleitung erklärt sich anders, erhebt Anspruch, Avantgarde zu sein. Also richten wir den durchgebrochenen Boden der nicht unrechtmäßig vorgefaßten Meinung wieder her und sagen, was zu sagen ist.

„Engel des Lebens“ von Hans José Rehfisch. Der Autor ist ein erfahrener Theatermann, der seine Leute kennt; das Stück, das nicht zu seinen stärkeren Arbeiten gehört, zeigt Hans und Grete, wie sie nebeneinander herleben und erst ein bißchen Katastrophe brauchen, um zueinander zu finden. Die dünne Fabel ist mit bewährten dramaturgischen Einfällen angereichert, wie man Kartoffeln anhäufelt, um den Ertrag zu steigern: ein Erpresser, der das Mädchen unter Druck hält und mit Hilfe eines gestohlenen Briefes droht, das Andenken eines geliebten Vaters zu schänden; ein gefährlicher Verführer, dem heimgeleuchtet wird; der echte Liebhaber, der in der Stunde der Not treu zur Stelle ist; eine großherzige Tat, wider das Verbot und unter größtem Risiko getan, die dann doch zum Guten ausschlägt. Neuer Reiz wird darin gesucht daß Ärztekittel die Szene beherrschen und die nüchternen Hantierungen eines Krankenhausbetriebes in einem prickelnden Kontrast stehen zu den menschlichen Verwirrungen. Da wird bei offener Szene ordiniert, injiziert, operiert und gefachsimpelt, und unter den weißen Kitteln geht es genau so menschlich zu wie unter vertrauteren Kleidungsstücken auch.

Daß der Autor „aus dem Erleben und Erleiden der Zeit nach neuen Ordnungen suchte“, wie ihm im Programmheft der „Jungen Bühne“ nachgerühmt wird, kann man in diesem reportagehaften Stück nicht gut finden. Was also tut es überhaupt auf dieser Bühne? Von der Jugend erwartet man, daß sie mit eigenwilligem Griff aus dem, was die Jahrhunderte angesammelt haben, sich nimmt, was ihr angemessen erscheint oder die Bühne freifegt für das, was noch nicht dagewesen und unbedingt sein müßte. Konversationszauber und Bühneneffekte in allen Ehren – aber ist es das, was wir von jungen Menschen erwarten?

Hier steckt der Grund, um zu verstehen, daß Lob zu etwas Abfälligem wird. Die Aufführung war sorgfältig glatt, vom Handwerklichen aus gesehen sogar fehlerfrei Besonders der ärztliche Krimskrams wurde mit einer Selbstverständlichkeit zelebriert, daß man ruhig annehmen kann, ein Fachmann habe den nötigen Unterricht erteilt. Bester Ufa-Kulturfilm, könnte man sagen, wobei das Bedauern mit einfließt, daß gewisse Einzelheiten nicht in Großaufnahme gezeigt werden konnten. Gerade diese Glätte und verschwenderische Sorgfalt – um nicht zu sagen Routine – sind es, die erschrecken. Bewährtes, aber doch altes Theater. Bei einem bestimmten Publikum kann man damit gewinnen, gar kein Zweifel Aber es ist ein Pyrrhussieg, noch ein solcher Sieg, und sie sind verloren: der Anspruch nämlich, der im Titel „Junge Bühne“, liegt, und das Versprechen einer „Avantgarde“.

Der emigrierte Schauspieler Fritz Kortner, manchem noch als gewaltiger Darsteller in der Erinnerung, zeigte einmal einer jungen Anfängerin, wie sie das „Ach, neige du Schmerzensreiche“ zu spielen habe; und zwar im Straßenanzug, kniend vor einem Kaffeehausstuhl. Wie sich das alles andere als anmutig zu nennende Männergesicht verklärte, wie der lächerliche Stuhl zum Altar wurde – das war wirklich schauspielerische Magie und zeigte, daß Kostüm und Requisit nur Beiwerk sind und nicht zum Wesen der Sache gehören. Und auf das Wesentliche – so sollte man meinen – will Jugend doch wohl hinaus! Man muß aber fast fürchten, daß die „Junge Bühne“, die nicht versäumt hat, auf die Bezugsquelle ihrer ärztlichen Instrumente aufmerksam zu machen, sich im Bedarfsfalle einen erstklassigen Barockaltar aus der renommiertesten Kunstwerkstätte besorgen würde. Wir würden der Jugendbühne so gern auf eigenwilligen, ja, auch absonderlichen Wegen folgen, nur auf dem einen nicht, der womöglich in der fanzösischen Dreieckskomödie oder im Salonschmus endet. Lorenz