Landbrücke Persien

Persien, die alte Landbrücke zwischen Vorder- – asien und dem großen asiatischen Festland, steht heute wieder im Brennpunkt der Weltpolitik. Diesmal ist es nicht die Verbindung zwischen Ost und West, die dieses Interesse bestimmt, sondern die Nordsüdrichtung, der naturgegebene Drang der eurasiatischen Tiefebene in den Bereich des Indischen Ozeans. Diese beiden einanderschneidenden Linien formen die Geschichte Persiens.

Zu beiden Seiten der Iranischen Hochebene liegen die ältesten Kulturen der Welt, in Mesopotamien im Westen reichen ihre Anfänge bis in das fünfte Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung zurück, also in für europäische Begriffe unvorstellbare Zeiträume. Namen tauchen auf, die aus der Bibel einen gewissen Klang behalten haben, wie das Reich der Babylonier, die wiederum auf der versunkenen Kultur der Sumerer aufbauten. Der Südwesten des Landes hieß damals das Land Elam, Sitz der uralten Kultstätten von Susa, von wo aus die persischen Könige auszogen und sogar versuchten. Griechenland zu unterwerfen. Zum erstenmal in geschichtlicher Zeit drangen Asiaten nach Europa.. und aus diesen Kämpfen der Überseekriege ist die griechische Kultur und die griechische Dichtung gespeist worden, von der auch wir noch heute zehren. Dann kam der Rückschlag nach Osten. Alexander der Große eroberte das schwach gewordene Persienreich und zog quer durch Persien nach Indien, dessen Westgebiete er sich unterwarf.

Hier am Indus finden wir -ebenfalls urälteste Zeichen einer hohen Kultur, die wohl auf dem Seewege über den Persischen Golf mit dem Zweistromland der Babylonier in Verbindung stand. Als jedoch Alexander an den indischen Grenzen erschien, hatte sich längst eine andere Kultur entwickelt, die aus dem Nordwesten gekommen war, von den arischen Indern getragen, also Menschen, die sprachlich und vielleicht auch blutmäßig in einem Zusammenhang mit unseren eigenen Vorfahren standen.

Der Kapisee im Norden der Iranischen Hochebene teilt die Völkerwogen, die von Norden nach Süden schlagen, in zwei Ströme. In der Geschichte finden wir neben dem Kaukasusweg den alten Völkerweg aus Turkestan, der von den Ariern benutzt wurde. Auf diesem Wege sind später die Mongolen in das Land eingebrochen und haben es wiederholt erobert. Das Heldengedicht des großen Dichter Firdausi, das an Bedeutung unserm Nibelungenlied entspricht, schildert den Kampf zwischen Turan und Iran. Die Horden des Dschinghiskhan und des Tamerlan sind aus Turkestan gekommen, selbst wenn sie ursprünglich in Zentralasien gesessen haben. Dann teilten sich ihre Wellen, und sie zogen entweder weiter nach Indien durch den Khyberpaß, der Stätte der größten geschichtlichen Entscheidungen, oder nach Mesopotamien, in das fruchtbare Tiefland, das dann unter den Schlägen der Eroberer zerfiel, und da die Kanäle zerstört wurden, vertrocknete.

Aber selbst mit diesen Bewegungen ist nicht die ganze Geschichte Persiens angedeutet. Aus dem Südwesten kamen die Araber, die die heutige Religion brachten und selbst der Sprache in großem Maße ihre Prägung aufzwangen, abgesehen von der Schrift, die heute noch maßgebend ist. Aus dem Nordwesten jedoch kamen die wesentlichsten Anregungen, also aus dem Kaukasusgebiet, den Ländern westlich des Kaspisees, und dieser Völkerweg steht heute im Vordergrund. Zwischen deutsche Kaukasus, den im letzten Weltkrieg auch deutsche Truppen erreichten, aber nicht überschritten. Es führet jedoch zwei Völkerstraßen über ihn hinweg und an ihm vorbei, die grusinische Heerstraße in der Mitte, und ein Weg am Ufer des Kaspisees selbst, Dann kommt jedoch noch einmal eine zerrissene Grenzlandschaft zwischen Kaspisee und den Quellgebieten des Tigris, das heutige Aserbeidschan. Es ist dem Leser der Tagesnachrichten zum vertrauten Begriff geworden.

Die heutigen Einwohner dürften diesen Weg längs des Kaspisees gezogen sein, als sie vor vielleicht vier Jahrtausenden aus Europa aufbrachen, um neue Wohnstätten in suchen. Aber in der geschichtlichen Zeit war die Sperre, die die Asiaten in der Ostwestrichtung innerhalb der sibirischen und südrussischen Steppe legten, so stark, daß Europa seit den Tagen der Hunnen und Mongolen in Asien nicht mehr die Macht ausüben konnten. Erst mit dem Zerfall des Reiches der Mongolen in Südrußland und dem Aufstieg des russischen Volkes hat die Nordwestgrenze Persiens wieder die überragende Rolle zurückgewonnen.

Zugleich mit dem Erscheinen der Europäer im Nordwesten finden wir das Anwachsen der europäischen, diesmal britischen Seemacht im Indischen Ozean, die nun versucht, die Landbrücke Persien zur Sicherung des indischen Besitzes zu beeinflussen. Während der napoleonischen Kriege erschienen Gesandte Frankreichs am Hofe des Schahs, kamen aber zu spät, denn der große Plan, über Rußland nach Indien hinüberzugreifen, war im brennenden Moskau begraben worden. So wird das 19. Jahrhundert bestimmt durch den immer näherrückenden Zusammenprall der zaristischen und britischen Macht in Vorderasien. Die Wendung Rußlands nach Ostasien, die im Kriege mit Japan 1904 ihr Ende fand, brachte eine vorübergehende Erleichterung, jedoch überwogen in beiden Ländern andere Fragen. 1907 kam es zum englisch-russischen Vertrag, der Persien in zwei Interessensphären und einen dazwischenliegenden neutralen Gürtel zerlegte.

Landbrücke Persien

Dieser Vertrag wurde zur Grundlage der Besetzung Persiens im ersten Weltkrieg, seine Grundgedanken spielten im zweiten Weltkrieg wieder eine große Rolle. Dazwischen lag eine Zeit ungewöhnlichen Aufschwungs, geführt durch die energische Gestalt Reza Schahs, der sich vom einfachen Kosakenoffizier auf den Pfauenthron des Königs der Könige emporschwang, der das Land reformierte, alte Gebräuche rücksichtslos austilgte, und der vor allem die große Eisenbahn baute, die das Ufer des Kaspisees mit dem des Persischen Golfes verband. Zuerst haben die Perser mit den Russen zusammengearbeitet, die nach 1918 in Asier das Banner des Nationalismus und der Befreiung der unterdrückten Völker entfalteten. Dann waren die Nordamerikaner hoch im Kurs, als der Dollar als die einzige stabile Währung erschien und Europa endgültig abgewirtschaftet zu haben schien. Damals hat der Amerikaner Millspaugh die Finanzen neu geordnet und moderne Gedanken in die Staatsverwaltung eingeführt, und es ist bezeichnend, daß derselbe Millspaugh nach 1942 wieder in Persien die führende Stellung als amerikanischer Fachmann innehatte, jedoch 1945 das Land wieder verließ. 1930 schien die Zeit der Deutschen gekommen zu sein. Der allmächtige Hausminister Timur Tasch begünstigte sie überall, in der Hoffnung, hier eine unbeteiligte, unvoreingenommene Kraft gewonnen zu haben, die den Vorsprung anderer orientalischer Länder, insbesondere der benachbarten Türkei, wieder einzuholen versprach. Dann jedoch drang der Einfluß der Sowjetunion mächtig vor. Ein Handelsvertrag sicherte den Russen das Handelsmonopol in den nördlichen Provinzen Gilan, Aserbeidschan und Masenderan. Timur Tasch starb auf ungeklärte Weise im Gefängnis, und die Anglo Iranian Oil Company, die mächtige Organisation des britischen Ölkapitals, wurde gezwungen, größere Summen als bisher an den persischen Fiskus abzuführen. Dann aber, als die Russen endgültig gesiegt zu haben schienen, warf Reza Schah wieder das Steuer herum und schwenkte in die englische Linie ein: Aussöhnung mit der Iranian Oil Company, Kündigung der Abkommen mit Rußland, Begünstigung der britischen Interessen.

Viel Schuld an dieser eigenartigen Politik werden wir dem Charakter des Schahs zuschreiben können, der, je älter, um so mitrauischer wurde. Dahinter stand jedoch sein großer Gedanke, Persien zu einer modernen Macht emporzuheben und aus dem zurückgebliebenen Land ein fortschrittliches Gebilde zu schaffen, würdig der großen Vergangenheit. Im Mittelpunkt dieser Politik stand der Wille, die Eisenbahn zu bauen. Noch im ersten Weltkrieg war Persien das Land ohne Eisenbahn. Nur eine Stichbahn reichte bis in die dreißiger Jahre von der russischen Grenze nach Täbriz im Nordwesten. Dabei ist die iranische Hochebene durchzogen von einer breiten, fast unwegsamen Wüste, die jeden Verkehr verhindert. Wenn Persien auf der Landkarte eine Brücke zwischen Hochasien und Vorderasien darstellt, so ist diese Brücke von der Natur verrammelt wie kaum eine andere durch hohe Gebirge und unwegsame Wüsten. Nur die Eisenbahn kann die langsame Kamelkarawane ersetzen, aber diese Eisenbahn erwächst nicht aus dem natürlichen Verkehrsbedürfnis, sondern aus dem Staatswillen.

Aus erhöhten Zollsätzen auf Tee und Zucker, also dem täglichen Verbrauch des kleinen Mannes, auf Entbehrung und Verzicht ist die Bahn gebaut worden. An ihr waren deutsche und britische Firmen beteiligt, dann wurden alle Pläne eingestellt, dann kamen wieder neue Anläufe, einer dänischen Firma wurde die Oberleitung übergeben. Überschwemmungen rissen weite, allzu schnell gebaute Strecken im Süden weg, Erdrutsche ließen Kilometer um Kilometer in den Gebirgen des Nordens verschwinden. Aber dann kam der Tag, da die erste Eisenbahn in Teheran einlief.

Diese Eisenbahn hat im zweiten Weltkrieg eine entscheidende Rolle gespielt. Über sie ist neben den endlosen Autokolonnen die Rußlandhilfe der westlichen Verbündeten nach Rußland geströmt und hat das Wunder von Stalingrad in hohem Maße erst ermöglicht. Um diese Verbindung unter allen Umständen und allen möglichen Gefahren zu schützen, rückten russische, britische und amerikanische Truppen in Persien ein und besetzten dieses Land gegen das Versprechen, es sechs Monate nach Beendigung aller Kampfhandlungen zu räumen. Dieser Termin war am 2. März dieses Jahres erfüllt. Die Briten und Amerikaner verließen vertragsgemäß das Land, die Russen schlossen einen Sondervertrag mit Persien, der die Räumung bis zum 6. Mai vorsieht.

Dabei tauchte jedoch eine neue Frage auf: die des persischen Öls. Persien, dieses Land der unendlichen Wüsten, hat sich als eines der reichsten Ölgebiete der Erde erwiesen. Bisher lag die Hauptausbeute im Süden, in der Provinz von Mohammerah, wo der Scheich lange Zeit als Bundesgenosse der Engländer frei schaltete und waltete, bis ihn Reza Schah nach Teheran einlud und nicht mehr freiließ. Der Norden blieb vernachlässigt, aber gerade dort erwarten die Geologen große Funde. Mit dem Fünfjahresplänen und dem Anwachsen des Erdölbedarfs in Rußland selbst wird Persien nicht wegen seiner Verkehrslage, sondern wegen seiner Bodenschätze Gegenstand der Weltpolitik. Seit Jahren drängen die Russen auf den Abschluß eines Konzessionsvertrages, der ihnen die Schürfrechte im Norden, zuspricht. Bisher haben die Perser diese Frage hinausgezögert, weil sie politischen Einfluß fürchteten. Erst jetzt, nach der Räumung der persischen Gebiete, kann ein neu erwähltes Parlament den Ölvertrag mit Rußland ratifizieren. Als Mitglied der UNO weiß Persien, daß es keine Gefahren mehr zu fürchten hat, die ihm so häufig in der Geschichte aus seiner uralten Stellung als Landbrücke erwachsen sind.